Titelbild | Flaschen hinter Vorhang

Vom Trinken zum Schweigen

Ihr alle habt doch sicher schon mal Alkohol getrunken. Wart vielleicht sogar völlig betrunken. Das tun wir schließlich fast alle. Alkohol ist in unserer Gesellschaft etabliert wie keine andere Droge. Doch genau das ist es. Eine Droge. Ich möchte hier niemanden an den Pranger stellen, der sich ab und zu Alkohol genehmigt. Das tue ich ja selbst. Doch es wird häufig unterschätzt, wie sehr diese Droge das Leben eines Menschen bestimmen kann. Es gibt etwa 1,77 Millionen Alkoholabhängige in Deutschland. Und jedes sechste Kind hat mindestens ein Elternteil, das dazu gehört. Ich denke es wird häufig unter den Teppich gekehrt, dass so etwas passiert. Denn so war das auch in meiner Familie und davon möchte ich euch im folgendem Text berichten.

Gesicht

Ich habe meinen Onkel geliebt. Für mich war er vor allem als Kind immer eine Vaterfigur, die mit mir campen gegangen ist, mir Spaghetti gekocht und sich mit mir gebrannte Filme angeschaut hat. Doch als ich etwas älter wurde, realisierte ich etwas, was ich bis dahin nicht verstanden hatte.
Hier möchte ich gar nicht unbedingt nur darauf eingehen, was das Ganze für mich bedeutet hat. Vielmehr möchte ich euch aus meiner Sichtweise erklären, was es mit meiner Familie gemacht hat. Alles begann an einem ganz normalen Tag in meinem neunten Lebensjahr. Ich war noch zu Besuch bei meiner Oma und mein Onkel sollte mich gleich abholen kommen. Meine Oma telefonierte mit meinem Onkel und fragte mich, ob ich wirklich von ihm abgeholt werden wollte. Klar, dachte ich. Warum denn nicht?
Wenig später kam mein Onkel dann. Wankend, lallend, komisch riechend. Ich wunderte mich zwar, aber dies war nicht das erste Mal, dass ich ihn so sah. Also verabschiedete ich mich von meiner Oma und wir gingen zu seiner Wohnung.

Zu diesem Zeitpunkt wusste ich nicht, was es war, aber ich fühlte mich extrem unwohl und unsicher mit ihm. Auf die Spitze getrieben wurde das Ganze, als er fröhlich ein paar Alkoholiker begrüßte, die gerade auf der anderen Straßenseite am Trinken waren.

Irgendwann erreichten wir seine Wohnung und im Grunde war alles wie sonst. Er kochte uns Spaghetti und lies mir ein Bad ein. Doch aus heiterem Himmel holten mich plötzlich alle negativen Gedanken und Gefühle ein, die ich bis zu diesem Augenblick unterdrückt hatte. Ich fing an zu weinen und mein Onkel war völlig überfordert mit der Situation. Also rief er meine Oma an, die mich dann abholte. Vor Kurzem habe ich begriffen, dass meine Mutter erst Jahre später etwas davon erfahren hat.

202 Menschen sterben in Deutschland jeden Tag
an den Folgen ihres Alkoholkonsums

Bierflaschen auf dem Schrank
Trauriger Smiley

Doch was hat meine kleine Geschichte mit der Stellung meines alkoholkranken Onkels in meiner Familie zu tun?

Es wurde nie über seinen Alkoholkonsum gesprochen. Von diesem Zeitpunkt an war mir zwar bewusst, dass mein Onkel an diesen Problemen litt, doch geredet wurde darüber nicht viel. Heute weiß ich, das es uns allen wahrscheinlich sehr viel gegeben hätte, wenn wir mehr darüber gesprochen hätten. Mein Onkel hätte vielleicht mit unserer Unterstützung seinen Entzug durchziehen können. Ich hätte vielleicht nicht jahrelang so eine Wut auf meinen Onkel gehabt. Meine Oma wäre nicht diejenige gewesen, die sich als einzige um ihn kümmerte und daran zugrunde ging. Doch leider war meine Familie nicht so und es wurde geschwiegen. Wurde es mal wieder schlimmer, so wurde er einfach nicht mehr zu Familienfeiern eingeladen, war es mal besser, durfte er dabei sein und alle taten so als wäre nichts.

Wer mehr als 350 Milliliter reinen Alkohol pro Woche konsumiert, verkürzt seine Lebenserwartung um bis zu fünf Jahre.

So ging das jahrelang. Mal gab es gute Zeiten, in denen mein Onkel uns besuchen kam, mit uns grillte und sogar mit unserem Hund Gassi ging. Und dann gab es wieder Zeiten, in denen er sich mit meiner Mutter stritt und uns beleidigende und drohende Nachrichten auf dem Anrufbeantworter hinterließ.
Mehrmals hatte er einen Entzug angefangen und ihn dann doch wieder abgebrochen, vermutlich, weil er zu wenig Unterstützung hatte. Selbst als er an Leberzirrhose erkrankte,bekam er die Kurve nicht und starb schließlich am 4. Juli 2017 im Alter von 50 Jahren als jüngster der drei Geschwister.
Und ich würde lügen, wenn ich sage, dass mich das nur traurig gemacht hat. Denn ich war lange Zeit enttäuscht von ihm. Ja, ich war traurig. Ja, ich fühlte mich schuldig. Doch ich empfand auch Erleichterung, dass es endlich vorbei war.
Dachte ich zumindest. Denn obwohl mein Onkel seit fast 3 Jahren tot ist, lässt es mich nicht los. Ich denke bei vielen kleinen Dingen an ihn. Bei den Drogenabhängigen am Bahnhof Bremen-Burg, wo ich fast täglich umsteige. Bei dem Geruch von Bier, Gras und einem bestimmten After-Shave. Bekannte, die in meiner Nachbarschaft leben und mich damals täglich gefragt haben, was denn mit meinem Onkel sei. Lange habe ich versucht es zu verdrängen und weiter zu schweigen.

Kronkorken

Es ist besser darüber zu reden. Also spreche ich mit meiner Mutter, oder anderen Familienmitgliedern, mit meinen Freunden und so weiter.
Abhängigkeiten oder allgemein psychische Probleme sollten kein Tabu sein. Und ich bin mir sicher, hätten wir das früher realisiert, hätte alles besser werden können.

Text und Fotografien von Milena Jaskiewitz