Über Arbeitslosigkeit und den Weg zurück zu sich selbst.

Ranken

Eine*r von zehn jungen Erwachsenen in Bremen ist arbeitslos. Eine*r von zehn jungen Erwachsenen in Bremen sieht sich damit konfrontiert, in unserer leistungsorientierten Gesellschaft unterzugehen. Eine*r von zehn jungen Erwachsenen in Bremen wird dem Druck ausgesetzt „unbedingt arbeiten zu gehen“ und „sein Leben in den Griff zu bekommen“.

Und eine hat sich ganz bewusst zur Arbeitslosigkeit entschieden: Jenni.

Bevor es aber richtig los geht, sollte zunächst einmal die Frage geklärt werden, was Arbeitslosigkeit genau ist. Arbeitslosigkeit bezeichnet den Zustand, wenn jemand der arbeitsfähig ist, erwerbslos ist. Sprich: Jemand der arbeiten gehen kann, es aus bestimmten Gründen aber nicht tut. Und diese Gründe können ganz unterschiedlichen Ursprungs sein und aus verschiedensten Lebensbereichen stammen. Hierzu jedoch später mehr, kommen wir zurück zu Jenni.

Jeder von uns kennt sie: Die Tage, an denen man wirklich, wirklich nicht zur Arbeit gehen möchte. Aber was passiert, wenn man sich jeden Tag so fühlt? Was ist, wenn jeder Tag ein Stückchen mehr Unglück in das Leben bringt und man sich langsam nicht mehr selbst wiedererkennt? Irgendwann gelangt man an einen Punkt, an dem man selber anfängt seine Gefühlslage zu hinterfragen und der Ursache selbst auf den Grund zugehen. Und genau das tat Jenni.

Schon während sie in ihrem Ausbildungsberuf arbeitete, machte sich schleichend, aber deutlich spürbar, ein Gefühl von Unzufriedenheit breit, welches auch mit einem Branchenwechsel nicht verschwinden wollte. Nach zwei Jahren flachte die anfängliche Motivation ab. Das Interesse an Sport und ähnlichem, was früher einmal Spaß machte, verflog. All das, gefolgt von einer Gewichtszunahme, schlechter Haut und in erster Linie schlechter Laune (wobei schlecht hier gar kein Ausdruck dafür ist!) und immer mehr Krankschreibungen, brachte sie zum Nachdenken.

„Bei einer Depression ist die einzige Person, die einem helfen kann, man selbst und das braucht Zeit, die man sich nehmen muss“.

Und um sich genau diese Zeit zu nehmen, zog sie den Schlussstrich und wagte so den Schritt in die Arbeitslosigkeit – und das mit Mitte 20.

Zwei Tage später kamen die ersten Zweifel. Zwar war der Schritt zu kündigen vorher mit ihrem Lebenspartner abgesprochen, welcher sie bei allem auf ganzer Linie unterstützte, jedoch ploppten dennoch überall Ängste auf. Wie reagieren die anderen? Oh Gott, was sagen meine Eltern bloß dazu? Vom Geld ganz zu schweigen! Essen gehen, ausgehen mit den Mädels, shoppen gehen, frei sein – wie soll das mit Arbeitslosengeld finanzierbar sein? Panik bricht aus. Was Jenni als erstes nach der Kündigung getan hat? Den Kleiderschrank aussortieren. In erster Linie, um den Geldsorgen entgegenzusteuern. Währenddessen merkte sie aber immer mehr, dass sie anfängt loszulassen. Loszulassen von dem Drang, den neuesten Pulli von H&M kaufen zu müssen. Loszulassen, auf Zwang in Bars und Cafés gehen zu müssen. Loszulassen von all dem „dummen Luxus“, der am Ende doch gar nicht so essentiell ist, wie man im ersten Moment annimmt. Und ganz von allein wurden die Geldsorgen weniger und somit das verbliebene Geld auf dem Konto mehr. „Die Leute denken Sicherheit ist gleich Geld, aber dem ist nicht so. Geld ist nur auf Papier gedruckte Freiheit. Und mehr nicht. Aber das heißt noch lange nicht, dass Du selber frei bist. Das heißt eigentlich nur, dass Du Dich abhängig davon machst. Und wenn Du Dich von etwas abhängig machst, hat dieses etwas oder diese Person die Hand über Dir“. Und nach und nach entwickelte sich der Gedanke „Scheiße ich brauch Kohle!“ zu einem „Weißt Du was? Scheiß drauf!“. Was anfänglich durch mehr oder weniger disziplinierte Routine und gefühlten Einschränkungen einherging, wurde immer normaler und das Gefühl von „frei sein“ kam wieder zurück.

Arbeitslosigkeit ist in allererster Linie ein Generations(tabu)thema.

Frei sein. Die Freiheit haben, seinen Alltag frei zu gestalten. Den ganzen Tag nur für sich selbst da zu sein und nur das zu tun, worauf man wirklich Lust hat. Sich Zeit für sich selbst nehmen. Den Weg zurück zu sich selbst finden. Meditieren (Kein Scherz! Das hilft wenn, man sich darauf einlässt!). All das stand zunächst auf Jennis Agenda. Klar, dass das nicht überall auf Gegenliebe gestoßen ist. Sie sagt jedoch auch ganz klar: Arbeitslosigkeit ist in aller erster Linie ein Generations(tabu)thema. Während ihre Freunde und ihre Schwester mit Verständnis auf die Entscheidung reagierten, sah dies bei der älteren Generation anders aus. „Du musst doch aber arbeiten gehen!“. Solche Aussagen oder wenig bis gar kein Verständnis seitens der Eltern, Tanten und Co. können sich wahnsinnig belastend auswirken und auch den Weg zum eigentlichen Ziel, nämlich endlich wieder glücklich zu sein, beeinflussen.

Aber warum ist das so? Warum genau ist arbeitslos sein überhaupt ein Tabuthema? Zum einen ist „arbeitslos sein“ wahnsinnig stigmatisiert. Jedoch muss ganz klar zwischen Arbeitslosen und Arbeitslosen unterschieden werden, egal wie blöd das jetzt klingen mag. Klar kann man nicht außer Acht lassen, dass es genau die Art von arbeitslosen Menschen gibt, die dieses stigmatisierte Bild prägen. Es gibt einige, die das System ausnutzen, nicht arbeiten gehen, weil sie die Sinnhaftigkeit darin nicht erkennen und sich ihren Lebensunterhalt als Langzeitarbeitslose vom Staat finanzieren lassen. Und natürlich ist das nicht der Idealzustand. Jedoch ist das nur eine Form der Arbeitslosigkeit. Friktionelle Arbeitslosigkeit z. B. ist eine vorübergehende Form von Arbeitslosigkeit und betrifft vor allem viele junge Menschen. Sie bezeichnet den Zeitraum zwischen dem Ende und der Aufnahme einer neuen Tätigkeit und ist meist kurzfristig. Auch nach Abschluss des Studiums fallen Absolvent*innen häufig während ihrer Suche nach einer Arbeitsstelle in diese Form der Arbeitslosigkeit. Demnach sind auch viele junge Menschen davon betroffen und vielleicht auch deswegen offener diesem Thema gegenüber. Neben der friktionellen Arbeitslosigkeit gibt es zusätzlich noch die konjunkturelle (Schwankungen innerhalb der Wirtschaft), die saisonale (Schwankungen der Nachfrage) und die Bodensatzarbeitslosigkeit (qualifikationsbedingt, gesundheitliche Einschränkungen, altersbedingt oder ähnliches). Somit bildet die Gruppe der Langzeitarbeitslosen, welche unter die strukturelle Arbeitslosigkeit fallen, nur einen kleinen Teil der Gruppe der Arbeitslosen. Jedoch möchte niemand mit genau diesem Teil in Verbindung gebracht werden und somit entsteht eine Hemmschwelle überhaupt darüber zu sprechen. Zumal nach wie vor das Bild existiert, dass Selbstfindung, sich Zeit für sich und seine Gesundheit nehmen oder kreative Auszeiten nicht als gleichwertig angesehen werden, wie beispielsweise ein Jahr Work and Travel im Ausland. Viele sehen diese Art von Lücke im Lebenslauf als problematisch an und haben wenig Verständnis für die Entscheidung, andere Dinge auf diese Weise zu priorisieren.

Smartphone mit Instagram

Was hilft aber nun dagegen, wenn man sich der Meinung anderer ausgeliefert fühlt? „Man muss sich selbst an erste Stelle setzen in solchen Momenten“. Und sich selbst immer wieder klar machen, wofür man diesen Schritt gegangen ist. Jenni wollte von Anfang an die Zeit nutzen, um sich weiterzubilden, sich selbst wieder zu finden und einen Umgang mit ihrer Depression zu finden. Sie wollte die Arbeitslosigkeit für eine Reise zu sich und dem „glücklich sein“ nutzen. Und das tat sie auch.

Arbeitslos sein geht natürlich mit Verpflichtungen einher. Das bedeutet auch: Sich arbeitslos melden. Und das bedeutet auch, dass man mit dem Arbeitsamt zusammenarbeiten muss. Dieses soll Arbeitssuchenden dabei helfen einen neuen Job zu finden, indem persönliche Gespräche geführt werden und somit individuelle Jobangebote vom Arbeitsamt an Arbeitssuchende zugesendet werden können. Hierbei hat Jenni jedoch eher negative Erfahrungen gesammelt. Es sei hier jedoch ganz klar gesagt, dass es sich um persönliche Erfahrungen handelt und nicht um eine allgemeine Wertung des Arbeitsamtes! Es ist in jedem Fall sinnvoll und wichtig Hilfe in Anspruch zu nehmen und es ist mehr als wichtig, dass es Einrichtungen wie das Arbeitsamt gibt! Jedoch wurde sich in diesem speziellen Fall zu wenig Zeit genommen, um auf das, was Jenni geäußert hat, einzugehen. Trotz der expliziten Aussage, dass sie nicht weiterhin in ihrem Ausbildungsberuf arbeiten wolle, wurden ihr nur derartige Angebote zugesendet. Das Arbeitsamt ist natürlich darauf aus, Arbeit zu vermitteln. Bei einem aktiven Entschluss vorerst arbeitslos zu sein, ist eine Kooperation hier jedoch denkbar schwierig. Und genau das war bei ihr der Fall: Sie wollte sich Zeit für sich und ihre Gesundheit nehmen.

Smartphone mit Instagram

Nachdem einige Zeit vergangen war, machte sich das Gefühl in Jenni breit, dass irgendwas fehlt. Sie wollte arbeiten, allerdings nicht auf Zwang und auf keinen Fall wollte sie Arbeit annehmen, die ihr nicht guttut. So kam es, dass sie auf eigene Faust nach einigen Monaten Bewerbungen geschrieben und versendet hat, jedoch auf diese nur Absagen reinflatterten und somit immer mehr Frustration und weniger Motivation aufkam weiter Bewerbungen zu schreiben. Dies führte dazu, dass die aktive Suche nach Arbeit abflachte und sie sich weiterhin vorerst auf das fokussierte, was ihr Spaß macht und sich darin weiterbildete.

Schon vor der Arbeitslosigkeit führte Jenni, neben ihrem privaten Account, einen Food-Blog auf Instagram. Diesen führte sie, nachdem sie durch den Schritt in die Arbeitslosigkeit mehr Zeit zur Verfügung hatte, intensiver und steckte immer mehr Liebe und Arbeit in ihre Accounts. Ihr machte es einfach Spaß und sie hatte etwas gefunden, in das sie gerne Zeit investiert: kreatives Schreiben. Und dann stolperte sie über ein Inserat für ein Volontariat als Redakteurin für Tante Babo. Nochmal komplett neu anfangen? Die 30 rückt auch eher immer näher als weiter weg. Ob das der richtige Weg ist? Lieber nicht, dachte sich Jenni. Jedoch tauchte selbiges Inserat einige Wochen später wieder auf. Also nahm sie dies als ein Zeichen, schrieb ihre Bewerbung und schickte sie ab. Noch am selben Tag kam die Einladung zum Bewerbungsgespräch.

Bewerbungen schreiben und Bewerbungsgespräche bedeuten jedoch: Fremden Menschen die Lücke im Lebenslauf erklären müssen. Die wahrscheinlich unangenehmste Vorstellung was Bewerbungsgespräche angeht. Das war hier allerdings kaum Thema. Das Unternehmen war viel mehr an den Beweggründen interessiert, als abwertend zu sein. Kurze Zeit später hatte Jenni den Platz für das Volontariat in der Tasche wodurch auch die Arbeitslosigkeit nach 5 ½ Monaten Geschichte war. Heute geht Jenni mehr als gerne zur Arbeit. Natürlich spielten Freiheiten eine wichtige Rolle: Kommen und gehen wann sie will, von Zuhause arbeiten, freie Wochenenden und ein angenehmes Umfeld was die Kolleg*innen betrifft. All das konnte und kann ihr neuer Arbeitgeber ihr noch immer bieten. Jedoch stand an erster Stelle glücklich sein.

Text von Rebecca Rademacher
Illustration von Rebecca Rademacher und Michelle Weczerek