Überschrift | Artur

Durch einen tragischen Unfall ist unser Studienkollege Artur ums Leben gekommen.

Mir fehlten die Worte. Im ersten Moment konnte ich es nicht fassen. Ein Schock. Die Welt stand einen Augenblick still. Als ich das Telefon in der Hand hielt, stand ich gerade in der Küche und wollte mir einen Kaffee machen. Die Nachricht „Artur ist tot“ stand auf dem Handydisplay. Erst vor ein paar Wochen war er noch bei mir in der Küche. Wir tranken Kaffee und aßen Flammkuchen. Das kann nicht sein, dachte ich. Ein ganz übler Scherz.

Mit Artur, meinem Studienkollegen, kam ich gut klar. Wir haben uns öfter über Themen wie Technik und Datenschutz unterhalten. Und über Detmold, einen kleinen Ort in Nordrhein-Westfalen, in dem Artur und ich unsere Kindheit verbrachten, ohne dass wir uns damals schon kannten. Es verband mich mit ihm, uns über gemeinsame Orte der Vergangenheit austauschen.

Vor meinen Augen laufe ich mit Artur über das Hochschulgelände. Auf dem Weg in die Mensa. Es gab etwas Besonderes: Das Weihnachtsessen. In der Mensa haben wir uns auch über Glauben unterhalten. Mir fiel auf, dass Artur vor dem Essen kurz die Hände gefaltet hat. Das hat uns ins Gespräch gebracht über Glauben, Gott und die Welt. Ob es ein Leben nach dem Tod gibt?, habe ich ihn gefragt. Er sagte, er glaube, dass da noch was kommt. Nachdem wir aufgegessen hatten, fragte Artur: „Na, noch Platz für`n Kaffee?“ „Gerne“, sagte ich.

Noch Platz für‘n Kaffee?

Kaffee war ein verbindendes Element zwischen Artur und mir. Da hatten wir ähnliche Vorlieben: Aromatisch, aber nicht zu stark sollte er sein. Er trank ihn schwarz, ich mit Milch. Jetzt war es still in der Küche. Ganz still. Die Kaffeemaschine surrte nicht, das Radio war aus.

Nur der Wind pfiff an meiner Küchentür vorbei. Artur war ein ruhiger Mensch, der viel beobachtete. Aber wenn er etwas zu sagen hatte, sprudelte es aus ihm heraus. Dabei war er konstruktiv und lösungsorientiert. Diese Art von ihm habe ich sehr geschätzt. Arturs ruhige Art konnte Dinge in einem anderen Licht erscheinen lassen. Bei heißen Diskussionen hörte er zu und zeigte allein dadurch Wirkung, nichts zu sagen. Ideen von ihm kamen mal schnell, mal langsam. Oft hat er Situationen so entschleunigen können, dass das Offensichtliche sichtbar wurde: ohne Zusammenarbeit geht es nicht. Bei Dreharbeiten für ein Studienfach bettete sich Artur so ein, dass seine Arbeit erst auffiel, wenn das Ergebnis sichtbar wurde.

Oft fallen Menschen und Dinge erst auf, wenn sie nicht mehr sind.

Oft fallen Menschen und Dinge erst auf, wenn sie nicht mehr sind, dachte ich, während ich in der Küche stand und aus dem Fenster schaute. Möwen zogen ihre Kreise, unbeschwert, leicht und frei. Die Wolken wanderten am Himmel vorbei. Ich hörte mein Herz pochen. Dieses Leben, das ich in mir spürte, war in Artur nicht mehr vorhanden. Was ich an ihm vermissen werde, war seine direkte, unkomplizierte Art, die Dinge anzusprechen, die ihn störten. Langsam schaltete ich die Kaffeemaschine ein, es brummte, surrte und gurgelte. Während mir der herbe, würzige Kaffeeduft in die Nase stieg, sah ich Artur und mich am Tisch in der Hochschule sitzen. Wir tranken Kaffee und aßen belegte Brötchen. Artur biss in sein Brötchen, die Kruste knackte. Er erzählte mir stolz von seinem neuen Computer, den er sich vor ein paar Tagen bestellt hatte. Er war zufrieden. „Jetzt kann ich wieder flüssig arbeiten“, hat er freudig zu mir gesagt. Da wir beide die selbe Notebookmarke hatten, war dies oft ein Thema, über das wir uns immer wieder gerne unterhielten.

Kaffee war ein verbindendes Element zwischen Artur und mir.

Währenddessen lief in meiner Küche der Kaffee in meine Tasse. Der Wind hörte langsam auf zu pfeifen. Jetzt war plötzlich Ruhe. Ich dachte wieder an Detmold. Ein Ort, an dem etwas lebendig geblieben ist. Meine Hoffnung war, dass er jetzt genau an einem solchen Ort ist und es ihm gut geht. Ich nahm die Kaffeetasse aus der Maschine und goss ein wenig Milch auf die bräunliche Schaumkrone. Vorsichtig schlürfte ich den Schaum ab. Der Geschmack tat mir gut. Ich schloss die Augen und träumte mich weg. Mir wurde klar, dass ich manche Menschen nicht vergessen werde.

Artur, ich werde mich an dich erinnern.
Jonathan.

Text von Jonathan Rola
Illustration von Maren Natho

Kaffeetasse