Daniel, ein Freund des Autors, war im Sommer 2014 in einer ambulaten psychatrischen Klinik, um seine Depression und soziale Phobie behandeln zu lassen. Eine ambulante Klinik unterscheidet sich von einer stationären darin, dass die Patient*innen nur tagsüber, montags bis freitags, in der Klinik sind und abends wieder nach Hause dürfen. Außerdem gibt es feste Tagespläne, ähnlich wie Stundenpläne, die den Patient*innen Struktur geben sollen. Die Tage unterscheiden sich in ihren Therapieangeboten.

Daniel litt seit über drei Jahren an einer schweren Depression und sozialer Phobie, die ihn daran hinderte, ein gesundes Leben zu führen. Selbst bei alltäglichen Tätigkeiten, wie Einkaufen, erlebte er Panikattacken. In dieser Zeit versuchte er sich selbst zu therapieren, was allerdings scheiterte und starke Verzweiflung auslöste, welche dann zu Suizidgedanken führte. Auf Drängen einiger Freunde und mit ihrer Hilfe konnte er sich einem Arzt anvertrauen, der ihn an die psychatrische Tagesklinik weiterleitete.

Es folgenden ein paar ausgewählte Tagebucheinträge von Daniel, die er während seines achtwöchigen Aufenhaltes in der Klinik schrieb. Der Autor durfte diese mit freundlicher Erlaubnis lesen und veröffentlichen. Einige Einträge sind leicht verändert worden, um die Identitäten der Personen zu schützen, die in ihnen vorkommen und um die Kontinuität der Einträge zu verbessern.

Der folgende Text behandelt Themen wie Depression, soziale Ängste, schwaches Selbstbewusstsein und Suizidgedanken. Falls du dich im Geschriebenen wiederfinden kannst oder dich andere Sorgen belasten, findest du (am Ende des Heftes) Kontakt- und Anlaufstellen, die dich unterstützen können. Du erreichst die TelefonSeelsorge unter der kostenlosen Nummer 0800/111 0 111.

28.06.

Es ist, als ob deine rechte Hand dich ins Gesicht schlägt, ohne, dass du sie kontrollierst. Dann hackst du sie ab, damit sie dir nicht mehr weh tun kann. Aber jetzt hast du deine Hand verloren und ich bin dabei meinen Verstand zu verlieren.

15.09.

Heute war mein erster Tag in der Klinik.
Wie es war? Das ist wohl die große Frage.

Sehr anstrengend. Sehr, sehr anstrengend. So anstrengend, dass ich mich gefragt habe, ob es das überhaupt wert ist. Aber ich bin trotzdem stolz auf mich, dass ich diesen Schritt gegangen bin. Der erste Schritt auf dem langen Weg der Besserung.

Nachdem ich angekommen war, wurde ich als erstes herumgeführt. Die Klinik ist relativ klein, insgesamt gibt es wohl ungefähr 30 Patienten. Im Untergeschoss gibt es einen Musikraum, in dem verschiedene Instrumente stehen und einen Kunstraum, in dem wir Ergotherapie haben werden. Darauf freue ich mich schon. Ich bin zwar nicht gut im Zeichnen und Malen, aber ich würde es gerne öfter machen. Wer weiß, vielleicht kann ich ja meine Zeit hier dazu nutzen, um Zeichnen zu lernen. Allerdings weiß ich nicht, wie mir die Idee gefällt, dass mir andere dabei zugucken könnten. Mal sehen. Im ersten Geschoss sind, neben dem Aufenthaltsraum und einer kleinen Küche, zwei größere Räume für Gruppentherapie. Außerdem gibt es ein kleines Arztzimmer für Notfälle. Im oberen Geschoss sind die Zimmer der Therapeuten und die der Klinikleitung.

Wir - die Patienten sind in drei Gruppen eingeteilt. Ich glaube, die Einteilung basiert auf der Art der Krankheit, die wir haben. Demnach wäre unsere Gruppe die Depressionsgruppe. Ich bin mir nicht sicher, welcher Krankheiten die anderen zugeordnet sind. Jede Gruppe hat im Aufenthaltsraum ihren eigenen Tisch und jede Patient*in hat einen festen Platz an diesem Tisch, was gut ist, besonders um sich die Namen der anderen zu merken — was ich nicht gut kann. Der Tag hat mit einem gemeinsamen Frühstück angefangen. Ich hatte schon zuhause gefrühstückt, weil ich das nicht wusste. War vermutlich gut so. Ich weiß nicht, ob ich bei meiner Nervosität überhaupt etwas runter bekommen hätte. In den ersten paar Stunden habe ich mich richtig schlecht gefühlt. Zittern, schwitzen, laute Gedanken, das ganze Prozedere. Es war am Rande des Unaushaltbaren. Zum Glück hatte ich ein Buch mitgenommen. Ich hatte es geschafft, in die Geschichte abzutauchen und konnte es etwas lindern. Ist schon komisch, dass ich mich zuhause komplett normal und ruhig verhalten kann, aber wenn ich unter Menschen bin und mich normal verhalten soll, löse ich mich komplett auf. Aber ich bin ja jetzt in der Klinik, um das zu beheben.

Nach dem Frühstück hatten wir Gruppentherapie, was ziemlich scheiße war. Ich war total nervös, als ich an der Reihe war meinen Namen zu sagen und mich vorzustellen und so weiter. Die Therapeuten haben gesagt, dass man nicht reden muss, wenn man das nicht möchte und ich glaube ich möchte nicht, aber ich habe das Gefühl, dass ich es irgendwann sollte, damit ich lerne normal vor Gruppen sprechen zu können, ohne eine Panikattacke zu bekommen. Und dann war da die Visite, die auch nicht lustig war. Stell dir vor in einem Raum zu sitzen, mit acht Ärzten um dich herum in einem Halbkreis sitzend, kritisch beäugend, abwechselnd Fragen über deine soziale Phobie stellend. Aber ich glaube sie haben gesehen, dass das anstrengend für mich war und haben es kurz gehalten — glaube ich zumindest. Als letztes hatte ich Einzeltherapie mit meiner Therapeutin Frau Friedrich. Das war tatsächlich ganz gut. Hat mir wieder etwas Kraft gegeben. Wahrscheinlich weil ich das Gefühl habe, dass sie mir helfen kann und weil sie mich verstehen zu scheint. Zuerst hat sie mir ein paar allgemeine Fragen dazu gestellt, wie es mir geht und welche Symptome ich in bestimmten Situationen habe und so weiter. Sie sagt, als erstes müsse sie mich kennen lernen um eine Diagnose stellen zu können.

Das war im Prinzip mein erster Tag.
Ich bin echt froh, dass ich hingegangen bin, obwohl es sehr stressig ist,
aber ich weiß jetzt, dass mir hier geholfen wird. Hier wird mein Leben verändert.

Zu neuen Ufern!

16.09.

Ich bin erledigt, aber es fühlt sich gut an. Es ist dieses „ich habe etwas geschafft“-erledigt-sein. Zur Klinik zu gehen fühlt sich immer noch merkwürdig an. Da zu sein, ist stressig und fühlt sich nicht gut an, aber hinzugehen und in Behandlung zu sein, macht mich stolz und das fühlt sich wiederum gut an.

Das erste heute war Ergotherapie. Das war nicht so gut. Ich wollte eigentlich etwas zeichnen, aber die Zeichnungen, die ich angefangen habe, waren nicht so gut, was nicht dabei geholfen hat, weiter zu machen. In meinem Kopf macht es mehr Sinn etwas nicht zu versuchen, als es zu versuchen und zu scheitern, was bescheuert ist. Aber ich glaube, das ist etwas, woran ich in Ergotherapie gut arbeiten kann. Danach hatten wir progressive Muskelentspannung. Das soll wohl dabei helfen, dass wir unsere Gedanken fokussieren können, aber ich konnte meinen Kopf einfach nicht abschalten, was das ganze nicht sehr entspannend gemacht hat. Eher stressig. Progressives Muskelstressen. Das Problem ist, dass ich meine Gedanken gerade nicht abstellen kann. Immer, wenn ich unabgelenkt bin, fangen meine Gedanken an zu rasen und laut zu werden. Der Tagesplan der Klinik hilft dabei, immer beschäftigt zu sein und so das Gedankenrasen zu unterbinden, was mich einerseits erleichtert, aber mir auf der anderen Seite auch Angst macht. Obwohl meine Gedanken größtenteils negativ sind, schätze ich sie dennoch und auf eine merkwürdige Art und Weise will ich nicht, dass sie verschwinden. Ja, ein chaotischer Verstand ist irgendwie unheimlich, aber die Vorstellung eines leeren Verstands ist für mich sehr viel mehr verstörend.

Verhaltenstherapie

In einer Verhaltenstherapie werden Betroffene mit ihrem (problematischen) Verhalten konfrontiert und entwickeln in Zusammenarbeit mit einem Therapeuten Strategien, um dieses zu verlernen und gesunde Verhaltensmuster zu erlernen. Klassisches Beispiel: Behandlung einer Spinnenphobie. Der/die Patient*in wird schrittweise mit seiner/ihrer Angst konfrontiert, indem er/sie zunächst Bilder einer Spinne sieht und lernt, die Angst durch Desensibilisierung auszuhalten und zu verlernen. Danach wird dem/der Patient*in eine echte Spinne gezeigt und so weiter, bis der/die Patient*in selbst beim Anfassen einer Spinne keine Angstsymptome mehr zeigt.

17.09.

Schlechter Tag. Einer von drei. Ziemlich gute Quote! Auf dem Weg zur Klinik habe ich mich sehr im Weg gefühlt. Als wäre der Platz, den ich einnehme, für jemanden anders reserviert. Ich habe häufig das Gefühl, nicht in die Welt zu passen. Physisch, wie auch mental.

Heute hatten wir zum ersten Mal Musiktherapie. Ich habe der Therapeutin gesagt, dass ich Klavier spielen könne, aber dass ich nicht gut bin. Wir sollten alle zusammen jammen. Einen Rhythmus finden. Uns auf die Ideen der anderen einlassen und einfach zusammen Musik machen. Wir fingen an und nachdem ich irgendwie fünf Tasten auf dem Klavier gespielt habe, hat sie alle gestoppt und mich ziemlich wütend angestarrt. Ich dachte erst, dass ich etwas kaputt gemacht habe, oder es bald tun würde. Sie sagte dann, dass ich Klavier spielen kann, und dass ich ich mich niemals unter Wert verkaufen solle. Irgendwie hat sie Recht, aber warum musste sie das auf diese Art und Weise sagen? Ja, ich habe mich etwas unter Wert verkauft, um sie nicht zu enttäuschen, falls mein Spiel nicht gut genug ist. Es ist meistens gut genug für mich selbst, allerdings habe ich noch nie vor jemandem gespielt, schon gar nicht vor jemanden mit einer musikalischen Ausbildung — woher soll ich also wissen, ob ich gut bin oder nicht? Aber das weiß sie natürlich nicht. Aber was danach passiert ist, war noch schlimmer. Wir haben also mit unserem Jam weitergemacht und es war nicht gerade hübsch, aber es war trotzdem schön. Niemand hatte eine Ahnung, was er tat, aber es hat sich trotzdem gut angehört, gut genug für uns Geisteskranke jedenfalls. Aber anscheinend war es nicht gut genug für die Therapeutin. Sie fing an, alle zu kritisieren, am meisten mich, weil wir kein gemeinsames Tempo hatten, als ob wir ein scheiß eingespieltes Orchester wären. Niemand von uns hatte so etwas zuvor gemacht und wir haben alle etwas experimentiert und hatten (was meiner Meinung nach am wichtigsten ist) Spaß dabei. Für mich war das ein besonderes Event. Das erste Mal an einem echten Klavier zu spielen, das erste Mal vor komplett fremden Menschen und einer scheiß Musiklehrerin und ich hatte Spaß dabei! Aber es war alles falsch und schlecht und was auch immer.

Und jetzt sitze ich hier, zusammengefallen zu einem kleinen Ball aus Traurigkeit und denke darüber nach, mich nie wieder an ein Klavier zu setzen. Ich verstehe nicht, warum sie es nicht anerkennen konnte, dass wir Spaß hatten und dass das gut war. Ist das am Ende des Tages nicht die Hauptsache, dass wir uns besser fühlen? Die Musik, die wir gemacht haben, hatte uns uns besser fühlen lassen, ihr blödes Gemecker hinterher nicht. Kein bisschen. Vielleicht ist sie in Wirklichkeit wütend darüber, dass sie in einer Klapsmühle mit Verrückten musizieren muss, statt mit den scheiß Londoner Philharmonikern.

Aber ich bin dankbar für die Gruppe, in der ich bin. Sie haben mich alle verteidigt in der Musiktherapie. Hannah und Isabelle haben mich hinterher zum Lachen gebracht und mich aufgeheitert, einfach, in dem sie da waren und mit mir geredet haben. Kaum zu glauben, dass ich nach nur drei Tagen so etwas wie Freunde hier gefunden habe.

18.09.

Heute ist nichts Außergewöhnliches passiert. Eigentlich überhaupt nichts, außer Frustration, weil ich merke, dass ich nicht bin, wer ich denke zu sein, und dass ich nicht der bin, der ich eigentlich sein will. Aber was habe ich wirklich erwartet? Sofort geheilt zu sein? Anscheinend. Naja, nicht wirklich - aber ich habe nicht damit gerechnet so schnell wieder in ein Loch zu fallen. Jedenfalls nicht einfach so. Ich glaube, ich habe gedacht, dass das Ganze jetzt etwas unter Kontrolle wäre, aber das ist es offensichtlich nicht.

Ich glaube, ich habe einfach zu hohe Erwartungen gehabt. Dinge brauchen ihre Zeit, aber auch mit kleinen Schritten kommt man weit. Ich sehne mich danach, frei von dem Ganzen zu sein, damit ich endlich das Leben leben kann, das ich möchte. Aber ich muss geduldig sein. Ich fühle mich wie ein kleines Kind, dass auf seinen Wackelpudding wartet. Erst der Brokkoli, dann der Nachtisch.

Verwischtes Bild

Ich fühle mich erschöpft und müde, und irgendwie träge, als hätte ich Kopfschmerzen, bloß ohne den Schmerz. Ich fühle mich angespannt, fehl am Platz und wertlos. Das ist mein „ganz okay“.

22.09.

Montag.
Scheißtag für alle Patient*innen denk ich mal. Am Wochenende merkt man, wie sehr wir die Struktur des Tagesplans und die Ablenkung brauchen. Ohne sie fallen wir einfach auseinander. Ich frage mich, ob ich nicht doch besser in einer geschlossenen Anstalt aufgehoben wäre.

Montag heißt außerdem: Visite. Wieder alle Augen auf mich gerichtet. Der Chefarzt hat mich gefragt, wie es mir gehe und ich habe gesagt: „Ganz okay”. Hier ist allerdings der Teil, über den ich nicht ganz nachgedacht hatte, als ich das gesagt habe: Mein „ganz okay“ ist das „schrecklich“ von anderen. Ich vergesse das oft. Mein „ganz okay“ heißt, dass ich heute noch nicht daran gedacht habe, nicht mehr leben zu wollen, ich hatte bis jetzt keine Panikattacke, ich bin aus dem Bett gekommen, ich habe mich nicht gefühlt, als könnte ich nicht atmen oder dass ich ein unsichtbares Gewicht mit mir herumschleppe. Das ist mein „ganz okay“. Es bedeutet ganz bestimmt nicht, dass ich bereit bin, mit dem täglichen Leben zu interagieren oder dass ich mich gut fühle — selbst ein bisschen. Ich fühle mich erschöpft und müde und irgendwie träge, als hätte ich Kopfschmerzen, bloß ohne den Schmerz. Ich fühle mich angespannt, fehl am Platz, leer und wertlos. Das ist mein „ganz okay“. Nicht gerade jedermanns „ganz okay“. Aber ich weiß nicht, was ich ihm sonst sagen soll. Schlecht oder schrecklich? Nun, das ist vielleicht die Wahrheit, aber ich will ihn nicht alarmieren. Ich kann damit umgehen. Sich schrecklich zu fühlen, bedeutet meistens, dass man nicht damit umgehen kann, aber ich fühle mich schon seit einer ziemlich langen Zeit so und ich habe mich mehr oder weniger daran gewöhnt, genau wie Augen sich an die Dunkelheit gewöhnen. Ja, es ist dunkel, aber ich kann sehen, deswegen geht es mir „ganz okay“, ich kann damit umgehen.

Ergo-/Kunsttherapie

Zentraler Bestandteil einer Kunsttherapie ist es, dass der/die Patient*in lernt, nonverbal seine Gefühlswelt mitzuteilen. Außerdem soll sie dabei helfen, Identität und Autonomie bei den Patient*innen zu entwickeln und das Selbstvertrauen zu stabilisieren.

Ich bin stärker als diese scheiß Depression.

23.09.

Heute ist nicht viel passiert.
Ich hatte wieder einen Termin mit Frau Friedrich. Wir haben über die verzerrten Ansichten geredet, die ich über mich selbst zu haben scheine und dass ich überprüfen soll, ob die Gedanken, die ich über mich habe, berechtigt sind. Ich habe ihr gesagt, dass ich ihr Bericht erstatten werde. Ich würde gerne denken, dass nicht jeder, der mich anguckt, mich für hässlich oder dumm hält oder was auch immer, aber zur selben Zeit fühlt es sich ziemlich arrogant an, konstant zu denken, dass jeder der mich anguckt, mich für attraktiv oder schlau hält. Aber das ist etwas, was mir in der Klinik häufig an den Kopf geworfen wird: Denk nicht in Extremen! Nicht jeder, der dich anguckt, hält dich für hässlich und nicht jeder hält dich für attraktiv — oder denkt sich überhaupt irgendetwas.
Manche so und manche anders.

24.09.

Zum ersten Mal seit Monaten fühle ich mich relativ gut. Und das, obwohl die Musikmeckerziege wieder das gemacht hat, was sie am besten kann: meckern.

Wir haben wieder gejammt und dieses Mal habe ich mich angestrengt, mich an die anderen anzupassen, den Takt zu hören und dementsprechend zu spielen und es hat sich so gut angehört! Direkt nachdem wir aufgehört hatten zu spielen, habe ich einen Witz darüber gemacht, dass wir morgen auf iTunes zu finden sind.
Aber nein! Ich habe wieder falsch gespielt, weil ich schwarze Tasten gespielt habe und bla. Sie hat irgendwas davon gesagt, dass ich nicht mit den anderen zusammen spielen wolle. Ich habe ihr gesagt, dass ich sehr wohl mit den anderen zusammen spielen wolle, woraufhin sie sagte, dass ich dann wohl „unterbewusst“ alleine spielen wolle. Was soll man darauf antworten? Ich habe einfach nicht daran gedacht, dass die anderen Instrumente nur Töne spielen können, die auf dem Klavier weiße Tasten wären. Ich war zu nervös, um daran zu denken. Ich wollte definitiv, dass die anderen mit mir spielen können. Ich wollte nicht alleine spielen.

Egal. Ich versuche einfach nicht weiter über sie nachzudenken und die Jam-Session trotzdem in meinem Herzen zu behalten.

Ich fühle zum ersten Mal, dass die Dinge gut werden könnten. Sie sind es noch nicht, aber mit der Zeit können sie es werden.

29.09.

Der Tag hat heute ziemlich beschissen angefangen. Montag halt. Ich hatte darüber nachgedacht, heute nicht zur Klinik zu gehen, aber ich bin trotzdem hingegangen und ich bin froh, dass ich das getan habe.

Heute haben drei Leute unsere Gruppe verlassen und zwei neue sind dazugekommen. Sie scheinen etwas merkwürdig zu sein, aber das ist okay. Wir sind alle etwas merkwürdig. Wir haben eigentlich eine sehr gute Stimmung innerhalb unserer Gruppe und wir halten gut zusammen. Ich hoffe, das ändert sich jetzt nicht. Übrigens: Wir haben ein bisschen Beef mit den anderen Gruppen. Die haben sich darüber beschwert, dass wir (halt dich fest) zu viel lachen. Ist das nicht lustig? Irgendwie poetisch. Wir sind die Depressionsgruppe und wir lachen den anderen zu viel.

Als erstes hatten wir heute wieder Visite. Komischerweise werden es jedes Mal weniger Ärzte. Am Anfang waren es noch acht, heute waren es nur drei und sogar ohne den Chefarzt! Ich bin immer noch total nervös, bevor ich ins Zimmer gehe, weil es immer noch eine relativ ungewohnte und unkontrollierbare Situation darstellt. Aber heute hatten sie nicht viele Fragen an mich. Sie haben mich nur gefragt, wie mein Wochenende war (was nicht gut war, weil ich erkältet war) und dann bin ich wieder raus. Ich war nur für ungefähr zwei Minuten drinnen gewesen, was Rekordzeit war.

Heute hatte ich wieder meine Einzelstunde mit Frau Friedrich, was echt gut war. Es tut gut, mit ihr über meine Probleme reden zu können und von ihr konstruktives und kompetentes Feedback zu bekommen. Sie zeigt mir immer wieder, wie fehlerhaft und destruktiv meine Art zu denken ist. Ich habe oft darüber nachgedacht, dass ich nicht weiß, wie weit ich von „normal“ entfernt bin und ich habe immer Angst vor der Antwort gehabt, aber jetzt nicht mehr. Ja, ich bin ziemlich weit davon entfernt, „normal“ zu sein, aber Frau Friedrich zeigt mir Wege, wie ich daran arbeiten kann, gesünder zu werden. Bis heute habe ich immer gedacht, dass es kein wirkliches „Heilmittel“ für mich gibt, und dass ich einfach lernen muss, mit meiner Depression und sozialen Angst zu leben, aber durch ihre Arbeit mit mir lerne ich, dass es Hoffnung und Heilung für mich gibt. Ich hoffe nur, dass sie nicht Unrecht hat oder mich anlügt, damit ich in Behandlung bleibe. Aber das glaube ich nicht. Und selbst wenn, werde ich das nicht hinnehmen. Ich bin stärker als diese scheiß Depression.

Und die Dinge ändern sich. Sie werden besser. Jetzt gerade. Ich kann es fühlen. Es kommt langsam und ich bin ungeduldig. Deswegen habe ich so oft Rückfälle in alte Muster und Denkweisen. Aber das ist okay. Der Zug rollt jetzt und er wird nicht anhalten.

08.10.

Mittwoche sind immer ziemlich stressig.
Als erstes hatten wir heute Ergotherapie. Mir macht Ergotherapie allgemein ziemlich viel Spaß momentan. Ich habe angefangen, ein Bild mit Acrylfarben zu malen und bis jetzt sieht auch das ziemlich gut aus.

Mir machen gerade relativ viele Sachen Spaß. Fast schon das Leben an sich. Fast. Ich muss eigentlich nur meine momentane gute Laune über das nächste Wochenende behalten. Wenn ich das schaffe, bin ich auf einem echt guten Weg. Ich muss nur etwas mehr Beständigkeit finden.

Aber etwas Wichtiges, das mir heute aufgefallen ist, ist, dass es jetzt zwei Monate und zwanzig Tage her ist, dass ich mich umbringen wollte und heute sitze ich hier und fühle zum ersten Mal, dass die Dinge gut werden könnten. Sie sind es noch nicht, aber mit der Zeit können sie es werden, da bin ich mir sicher.

Als zweites hatten wir heute Musiktherapie, welche toll war. Die Musiktherapeutin ist immer noch etwas merkwürdig mir gegenüber, aber ich liebe das Klavier und darauf zu spielen. Ich mag es mit den anderen zusammen zu spielen und auch für sie zu spielen.

Als drittes hatten wir heute etwas neues: persönliches Kompetenztraining. Dort spielen wir verschiedene Situationen durch, die einem im Alltag begegnen können, damit wir mehr oder weniger auf sie vorbereitet sind und nicht unangebracht reagieren. Jeder hatte eine Situation, die er mit der Therapeutin durchspielen sollte. Ich sollte mich über ein Steak beschweren, dass ich bestellt hatte und was zu zäh war. Ich glaube nicht, dass ich mich in echt deswegen beschwert hätte, einfach, weil ich Angst vor der Reaktion des Kellners oder des Kochs hätte. Aber ich habe auf mein Recht als Kunde bestanden und ein neues Steak verlangt. Die Therapeutin hat mir hinterher gesagt, dass ich das gut gemacht habe, aber ich bin mir da nicht so sicher. Ich glaube, in echt wäre ich aus dem Laden geschmissen worden oder so.

Die Dinge entwickeln sich in eine echt gute Richtung und obwohl ich erst am Anfang von dem Ganzen stehe, kann ich trotzdem sehen, wohin es geht. Ich kann fühlen, wohin es geht und es fühlt sich gut an.
So gut.

27.10.

Another manic monday.
Unser am meisten gehasster Tag der Woche war mein bester seit Jahren. Ernsthaft. Ich kann mich nicht an eine Zeit erinnern, in der ich mich so gut gefühlt habe. Aber gleichzeitig habe ich ein schlechtes Gewissen, mich derart gut zu fühlen, bis zu einem Punkt, an dem ich mich nicht mal gut fühlen will. Ich will mich schlecht fühlen und ich weiß nicht einmal, warum genau.

Die Visite war wieder relativ scheiße. Der Chefarzt ist echt merkwürdig. Ich hasse es, wenn er die Visite leitet, jeder hasst es. Anders als die Therapeuten scheint er nicht an uns persönlich interessiert zu sein, nur an den Resultaten unserer Behandlung. Nach sechs Wochen, die ich jetzt in der Klinik bin, und nach sechs Visiten, von denen er vier geleitet hat, hat er heute gesagt, dass er „mich kennenlernen will“ und jetzt Bluttests und EKGs machen will — was eigentlich schon vor sechs Wochen hätte passieren sollen. Ich glaube, ich habe gesehen, wie die anderen Therapeuten sich ein bisschen fremd geschämt haben. Vor allem, nachdem er gefragt hat, wie es mir mit meinen Medikamenten geht. Ich nehme keine Medikamente zur Zeit. Das ist ihm dann auch aufgefallen, als er dann meine Akte geöffnet hatte. Wahrscheinlich zum ersten Mal. Aber egal.

Ich glaube, der Grund, warum ich mich momentan so gut fühle, ist, dass ich anfange die Welt um mich herum mit anderen Augen zu sehen. Eigentlich hat sich nichts geändert, außer mein Blickwinkel. Ich hoffe, dass ich darauf aufbauen kann. Allerdings macht mir das ganze echt Angst. Bis jetzt war jedes Hoch nur ein Vorbote eines tiefen Lochs, das unweigerlich kommen wird. Wie in einer Achterbahn. Erst geht es steil nach oben und dann kommt der tiefe Fall. Ich habe der Ergotherapeutin heute gesagt, dass ich lieber gar kein Hoch haben will, wenn das gleichzeitig ein Tief mit sich bringt. Das Fallen ist, was das ganze so schlimm macht. Das Wissen, sich gut gefühlt zu haben und es jetzt nicht mehr zu können, macht das Loch nur noch schlimmer. Ich wünschte, ich könnte mich stimmungsmäßig die ganze Zeit auf einem Mittelmaß bewegen, nur, um den Fall nicht erfahren zu müssen.
Ich frage mich, wie ein Kind auf Folgendes reagieren würde: Man gebe ihm ein Spielzeug, was es sich schon immer gewünscht hat und es spielt damit und hat den besten Tag seines Lebens und am Abend nimmt es das Spielzeug mit ins Bett, weil es keine Sekunde davon getrennt sein will. Und dann, bevor das Kind am nächsten Morgen aufwacht, nimmt man ihm das Spielzeug wieder weg, wirft es in den Müll — egal. Wünscht sich das Kind, das Spielzeug nie bekommen zu haben und nie die Erfahrung gemacht zu haben, sich mit dem Spielzeug gut gefühlt zu haben, weil der Verlust mehr weh tut?

Gruppentherapie

In einer Gruppentherapie können Patient*innen frei oder von einem Therapeuten angeleitet über ihre Probleme und damit verbundenen Gefühle sprechen. Die anderen Teilnehmer*innen können dazu Feedback geben oder Lösungsvorschläge anbieten. Da die Patient*innen einer Gruppe häufig ähnliche Probleme erleben, bietet eine Gruppe den Teilnehmer*innen eine sichere Umgebung, um von ihren Problemen zu erzählen und verstanden zu werden. In einer Gruppentherapie herrschen bestimmte Regeln. Zum Beispiel darf außerhalb der Gruppe nicht weitergegeben werden, was in der Gruppe besprochen wurde. Außerdem steht es es den Teilnehmer*innen frei, sich aktiv zu beteiligen. Niemand wird gezwungen, sich mitzuteilen.

Verwischtes Bild eines Hauses

Ich habe Angst vor dem, was jetzt kommt, aber ich freue mich gleichzeitig, mich auszuprobieren. Ich bin mir sicher, dass gute Dinge auf mich zukommen werden.

06.11.

Morgen ist mein letzter Tag in der Klinik. Ich bin ziemlich aufgeregt deswegen, im guten wie im schlechten Sinne. Ich frage mich, ob ich schon bereit bin. Ich werde weiter mit Frau Friedrich zusammenarbeiten und wöchentlich mit ihr für die nächsten eineinhalb Jahre eine Verhaltenstherapie machen. Außerdem kann ich bis Februar einmal die Woche weiterhin in die Klinik kommen, um eine Ergotherapie zu machen, was cool ist. Vielleicht kann ich dann endlich anfangen, Zeichnen zu lernen.

Frau Friedrich hat mir aber auch gesagt, dass ich vorsichtig sein muss. Anscheinend passiert es vielen, dass sie direkt in ein tiefes Loch fallen, sobald sie aus der Klinik kommen, weil ihnen die Struktur fehlt und sie sofort in alte Muster verfallen und ich glaube ihr. Ich habe es ja jedes Wochenende gemerkt, dass ohne die Struktur einfach alles zusammenbricht und man wieder seinen Gedanken ausgesetzt ist. Da habe ich natürlich Angst vor. Deswegen versuche ich den Tagesplan so gut es geht beizubehalten. Ich muss nur herausfinden, was ich draufschreiben soll als Aufgaben. Aber ich glaube das wird gut. Ich bin momentan sehr motiviert, die Welle weiter zu reiten, auf der ich gerade bin.

Aber ja, ich habe Angst vor dem, was jetzt kommt, aber ich freue mich gleichzeitig, mich auszuprobieren. Ich bin mir sicher, dass gute Dinge auf mich zukommen werden.

10.11.

Mein erster Montag außerhalb der Klinik. Mir geht es ganz gut, um ehrlich zu sein. Aber das heißt auch, dass ich weniger habe, über das ich schreiben kann und das stört mich etwas. Um ehrlich zu sein ist es recht langweilig, sich gut zu fühlen. In meinem Leid lag eine seltsame Schönheit, welche jetzt einfach weg ist. Es ist, als wäre da ein Teich voller Leid gewesen. Jetzt ist der Teich weg und zurück bleibt einfach nur ein leerer Krater. Ich bin mir sicher, dass irgendetwas diesen Krater irgendwann füllen wird, aber bis jetzt habe ich dieses etwas noch nicht gefunden. Und obwohl ich mich noch nicht ganz bereit für die meisten Dinge fühle, entwickel ich mich doch in eine gute Richtung.

Keep fighting the good fight.

Daniel begann nach seinem Aufenthalt in der Klinik eine Verhaltenstherapie zum Behandeln seiner sozialen Phobie. In dieser stellte er sich Schritt für Schritt seinen Ängsten und entwickelte zusammen mit seiner Therapeutin Strategien, um diese zu überwinden. Seit 2016 arbeitet er im Einzelhandel und führt heute ein gesundes Leben.

Alle Namen von Personen, die in diesem Artikel vorkommen, wurden vom Autor verändert, um Rückschlüsse auf ihre Identitäten zu verhindern.

Text und Fotografien von Hajo Haas