„Warum war dein Papa denn dieses Jahr gar nicht auf dem Schützenfest? Letztes Jahr hat er hier doch noch auf dem Tisch getanzt.“ Diese Frage erhielt er auf dem Schützenfest öfter. Seine Antwort war: „Weiß ich nicht, eigentlich wollten meine Eltern kommen.“ Doch dabei wusste er ganz genau, dass seine Eltern über das besagte Wochenende an die See gefahren waren und dies auch schon länger geplant war. Ein solches Fest war für seinen Vater zu viel, er hatter gerade erst seinen Klinikaufenthalt beendet und war weiterhin noch in Behandlung. Aber das wusste keiner.

Es gibt eine Vielzahl unterschiedlicher Krankheiten. Dazu zählt auch die Depression. Hierbei handelt es sich um eine psychische Erkrankung, die das Denken, Fühlen und Handeln der betroffenen Person beeinflusst.

In Deutschland erkranken jährlich etwa 5,3 Millionen Menschen an einer Depression.

Über sämtliche Krankheiten wird offen und ehrlich gesprochen, jedoch selten über die Depression. Und das, obwohl eine Depression zu den häufigsten und vor allem an Schwere, meist unterschätzten Krankheiten gehört. Warum gibt es dieses Tabu in der Gesellschaft?

Vielleicht weil es sich bei den Symptomen nicht um Fieber, Husten und Übelkeit handelt, sondern stattdessen um Antriebslosigkeit, negative Gedanken, gedrückte Stimmung, vermindertes Selbstwertgefühl und häufig sogar Suizidgedanken?

Das Schweigen und Verleugnen dieser Art von Krankheit ist aber falsch. Es ist sowohl als Betroffene*r als auch als Angehörige*r wichtig, darüber zu reden und sich behandeln zu lassen. Im Jahr 2015 starben allein 10.080 Menschen durch Suizid, häufig herbeigeführt durch eine unzureichend behandelte Depression.

Die Depression ist eine Krankheit und sie kann jeden treffen. Das Verschweigen dieser Krankheit, gerade im engeren Familien- oder Freundeskreis, kann sogar negative Auswirkungen haben. Und für den Betroffenen selbst ist es zudem eine große Last.

Er hatte lange darüber geschwiegen, beziehungsweise es stark vermieden, über die Krankheit seines Vaters zu sprechen. Dies war vor allem auch für seine neue Freundin sehr schwierig. Sie kam in sein Leben, als sein Vater gerade das erste Mal in der Klinik war. Er sagte ihr, sein Vater sei gerade im Krankenhaus und es sei nichts Schlimmes. Sie merkte sofort, dass irgendetwas nicht stimmte. Aber richtig aufgeklärt wurde sie zunächst nicht. Stattdessen hatte er drum herum geredet, ihre Fragen abgewiesen und vom Thema abgelenkt. Sie fühlte sich somit irgendwie schlecht, nicht gut genug, nicht wichtig genug so richtig in sein Leben von ihm integriert zu werden. Sie hatte sich Gedanken gemacht, ob sie etwas falsch macht und warum er nicht mit ihr darüber spricht. Er hingegen machte sich Gedanken, wie er die Krankheit seines Vaters möglichst geheim halten konnte oder zumindest eine plausible Erklärung für die aktuellen Umstände finden konnte.

Jeder vierte Deutsche ist direkt oder indirekt von Depressionen betroffen.

Vielen Angehörigen ist es unangenehm oder sogar peinlich, wenn ein Familienmitglied an einer Depression erkrankt ist. Zudem fühlen sie sich häufig schuldig für die Erkrankung einer nahestehenden Person und verstehen nicht, wieso es gerade sie trifft. Sie möchten, dass so wenig Menschen wie möglich davon erfahren und haben Angst, dass man blöd angemacht werden könnte. Doch dieses Denken kann unter Druck setzen. Gründe für das Ausbrechen dieser Krankheit sind keinesfalls Charakterschwäche oder eine falsche Lebensführung der betroffenen Person. Niemand kann etwas dafür, wenn ein geliebter Mensch erkrankt.

Erschöpfte Person auf der Couch

Während den ersten Monaten der Beziehung folgten immer wieder Klinikaufenthalte des Vaters. Wenn er ihn besuchen fuhr, sprach er anschließend nicht viel darüber. Wenn sie fragte, wie es seinem Vater denn geht, antwortete er meistens nur mit „Soweit ganz gut“. Dass auch sie diese Situation sehr belastete, bemerkte er nicht.

Sie wollte endlich wissen was los ist, bekam aus ihm jedoch kaum etwas heraus. Nur durch Zufall kam das Thema dann kurz am Esstisch auf und es fiel das Wort – Depression – durch seine Mutter. Sie hatte zwar etwas in der Art vermutet, aber es nun so zu erfahren, statt von ihm, war kein gutes Gefühl. Als sie ihn später allein noch einmal drauf ansprach, konnte er dies natürlich nicht mehr leugnen. Er sagte, sein Vater habe Selbstmordgedanken und es würde mit einem Verkehrsunfall zusammenhängen, den er vor vielen Jahren einmal hatte. Sie war erleichtert, dass er endlich mit ihr darüber gesprochen hatte. Aber irgendwie kam ihr die ganze Geschichte auch ein bisschen merkwürdig vor. Wieso Zusammenhänge mit einem Verkehrsunfall, der sogar noch einige Jahre vor seiner Geburt war? Nach diesem Unfall hatte sein Vater doch schon wieder problemlos über 20 Jahre seines Lebens verbracht. Hatte er das Gefühl, er müsste Gründe für die Krankheit seines Vaters suchen? Sie wusste es nicht, aber sie traute sich auch nicht ihn zu fragen.

Als Angehörige*r einer depressiven Person soll man sich nicht schuldig oder verantwortlich fühlen. Außerdem sollte man auch keine anderen Gründe suchen/erfinden, um das Gefühl loszuwerden, man selbst sei Schuld daran. Man muss akzeptieren, dass die Depression eine Krankheit ist, die jeden treffen kann. Die Ursachen für eine Depression sind unterschiedlich und können sowohl veranlagt sein, als auch durch konkrete Auslöser hervorgerufen werden. Aber Vorwürfe helfen weder der betroffenen Person, noch einem selbst. Es ist wichtig, Betroffene zu unterstützen.

Es verging einige Zeit und es wurde seltener über dieses Thema gesprochen. Als es jedoch erneut zu einem Suizidversuch und einem damit verbundenen Klinikaufenthalt kam, merkte man auch ihm dieses Mal deutlich an, dass er darunter litt. Sie wollte ihm helfen, wusste aber nicht wie. Als er sie wieder nur abwies, machte es sie traurig, dass er sie aus diesem Bereich seines Lebens so stark raushalten wollte. Sie fühlte sich als Freundin nicht gut genug und überlegte sogar, die Beziehung zu beenden. Dies schien er zu bemerken und fing an mit ihr zu sprechen. Er erzählte, wie alles damit anfing, dass sein Vater seinen Job verlor. Dies stürzte ihn in ein tiefes Loch, aus dem er aufgrund von Antriebslosigkeit nicht mehr herauskam. Außerdem erzählte er, wie es zum ersten Klinikaufenthalt kam, wie seine Mutter und er versuchten damit umzugehen, wie er das alles erlebte und vieles mehr. Es flossen Tränen an diesem Abend, aber seine Erleichterung war deutlich zu spüren, als er endlich mit jemandem ausführlich darüber gesprochen hatte. Auch ihr ging es besser zu wissen, was in seiner Familie los war und nun mit ihm darüber reden zu können, wenn es mal wieder schlechte Tage gab.

Kopf voller Gedanken

Als Angehörige*r ist es wichtig, die eigenen Gefühle ernst- und wahrzunehmen. Es kann helfen, mit dem Partner*in, Freund*innenoder dem Umfeld darüber zu sprechen.

Auch gibt es Beratungs- und Anlaufstellen, die Unterstützung bieten. Zudem wird einem dann häufig verdeutlicht, dass niemand etwas dafür kann und die Depression eine Krankheit ist. Außerdem ist es auch für den/die Freund*in wichtig. Man fühlt sich integriert, kann jederzeit ein offenes Ohr bieten und Mut/Zuversicht zusprechen.

Als Betroffene*r ist es wichtig, ärztliche Hilfe aufzusuchen.

Mit Medikamenten, wie Antidepressiva, können schon nach zwei Wochen erste Besserungen auftreten. Zusätzlich helfen Behandlungen durch Gespräche und Übungen in Form einer Psychotherapie den Erkrankten meist enorm.

Depressionen müssen und dürfen nicht verheimlicht werden. Es ist wichtig, darüber zu sprechen, Stigmata zu brechen und eine psychische Erkrankung zu normalisieren.

Text und Illustrationen von Jana Grefer