Ich treffe Thomas (Name geändert) bei sich Zuhause. Wir sitzen im Wohnzimmer und unterhalten uns über das, was er seit einiger Zeit so macht. Er verkauft die illegale Droge Cannabis. Wir trinken zusammen einen Tee und sprechen über Gesetze, die Angst vor dem erwischt werden und ob eine Legalisierung einen Wirtschaftszweig prägen würde. Thomas ist entspannt, das Gespräch dauert eine Stunde. Ich frage Thomas öfter, ob er über bestimmte Sachen lieber nicht sprechen möchte, aber er winkt ab. Es sei ihm nicht unangenehm darüber zu sprechen.

Diese kommt zu dem Schluss, dass ca. 4 Millionen Menschen im Alter von 18-65 Jahren (in den letzten 12 Monaten) Gras konsumierten. Somit ist es die am meisten konsumierte, illegale Droge in Deutschland. Im Vergleich: Rund 72% gaben an in den letzten 30 Tagen Alkohol getrunken zu haben. Das sind ca. 36 Millionen Menschen.

Die Drogenpolitik wurde über die Jahre stark emotionalisiert und ohne wissenschaftlich fundierte Beweise geführt. Das hält bis heute an.

Aber warum ist Gras eigentlich illegal?

Die Gründe sind kompliziert und ein Zusammenspiel von verschiedenen, geschichtlichen Ereignissen und wirtschaftlichen Interessen. Drogenkonsum wurde erst Anfang des 20. Jahrhunderts ein politisches Thema. Was wir heute als „Drogen“ kennen wurde bis dahin weit verbreitet als Medikamente oder Genussmittel genutzt. Eine große Rolle spielt ein Mann namens Harry Anslinger, der 1929 das Ministerium für Prohibition in Amerika übernahm und Hetzkampagnen startete, die Cannabis in der Bevölkerung verteufelte und kriminalisierte. Der starke Einfluss der USA, die die stärksten Geldgeber der Vereinten Nationen waren, führte dazu, dass sich diese strengen Gesetze auch in den internationalen Staatsgemeinschaften durchsetzten. 1947 war Anslinger Vorsitzender der UN-Drogenkommission und erreichte in dieser Position, dass die WHO (Weltgesundheitsorganisation) 1954 Hanf und dessen Derivate ihre therapeutischen Werte absprachen. Im Jahr 1961 wurde Cannabis mit Morphin gleichgesetzt. Und was einmal verboten ist, verliert nur schwer das Stigma von Verbrechen. Der ehemalige US-amerikanische Präsident Richard Nixon (1969-1974) war unter anderem bekannt für seinen aggressiven „War On Drugs“ (Krieg gegen Drogen), welchen er ebenfalls dafür nutzte, um die Gesellschaft zu spalten. Sein enger Vertrauter und Berater John Ehrlichmann erklärte dies in einem Interview 1994 so:

»Die Nixon-Kampagne 1968 und die folgende Regierung hatte zwei Feinde: Die linken Kriegsgegner und die Schwarzen. Verstehen Sie, was ich damit sagen will? Wir wussten, dass wir es nicht verbieten konnten, gegen den Krieg oder schwarz zu sein, aber dadurch, dass wir die Öffentlichkeit dazu brachten, die Hippies mit Marihuana und die Schwarzen mit Heroin zu assoziieren, und beides heftig bestraften, konnten wir diese Gruppen diskreditieren. Wir konnten ihre Anführer verhaften, ihre Wohnungen durchsuchen, ihre Versammlungen beenden und sie so Abend für Abend in den Nachrichten verunglimpfen. Wussten wir, dass wir über die Drogen gelogen haben? Natürlich wussten wir das!«

Die Drogenpolitik wurde über die Jahre stark emotionalisiert und ohne wissenschaftlich fundierte Beweise geführt. Das hält bis heute an.

Cannabis ist nicht per se verboten, weil es schädlich ist. Sondern weil vor über hundert Jahren einflussreiche Männer ihren Reichtum und ihre Macht in Gefahr sahen und alles erdenkliche in die Wege leiteten, um diesen zu schützen. Auch in Deutschland ist (illegaler) Drogenkonsum in der breiten Bevölkerung verpönt. Obwohl jedes Jahr rund 74.000 Menschen an den Folgen ihres Alkoholkonsums sterben, gehört Alkohol zum gesellschaftlichen Leben. In Deutschland ist der zweithäufigste Behandlungsgrund in Krankenhäusern, nach Herzinsuffizienz, „Psychische und Verhaltensstörungen durch Alkohol“. Bei Männern ist es bereits seit 10 Jahren die häufigste Diagnose. Trotzdem genießt Alkohol eine gesellschaftliche Normalität und gilt als Genussmittel. Können wir von einer kollektiven Abhängigkeit sprechen? Wie stark ist die Alkohollobby? Wie können wir unsere Gesellschaft schützen? Sollte Alkohol verboten werden oder andere Drogen legalisiert?

Der Alkoholatlas spricht von knapp 40 Milliarden indirekten und direkten Kosten in Deutschland im Jahr 2016 aufgrund von Alkoholkonsum. In welchem Verhältnis steht das? Hochrechnungen des Statistischen Bundesamtes gehen von 3,34 Millionen Erwachsenen aus, die an alkoholbezogenen Störungen leiden. Tote durch Cannabis sind nicht bekannt. Regelmässiger Cannabis Konsum kann psychisch abhängig machen, offizielle Zahlen gibt es aber nicht.

Thomas findet die Gesetze okay. Er verkauft Gras an seine Freunde, um seinen eigenen Konsum zu decken. Zusätzliches Geld verdient er damit nicht, aber das ist auch nicht seine Absicht. In Zukunft möchte er seinen Konsum nicht einschränken. Eine Legalisierung hält er in der nächsten Zeit für unwahrscheinlich und auch, wenn es eine gäbe, sähe er keine Veränderung in seinem Konsum. Ich verlasse die Wohnung und setze mich an meine Recherche. Noch oft wird mir die Emotionalität von Drogenbefürwortern und -gegnern nachhängen. Thomas ist kein Drogendealer aus dem Film. Kein Klischee eines Abhängigen. Auch dreht sich sein Lebensmittelpunkt nicht um den Verkauf von Drogen, sondern um alltägliche Dinge, die jede*r kennt. Angst erwischt zu werden hat er schon, aber er versucht nicht zu sehr darüber nachzudenken. Die Angst würde ihn lähmen. Was sich für ihn ändern würde, wenn Gras legalisiert würde, kann er sich nicht ausmalen. Er ist aktuell zufrieden mit der Situation.

Letzten Endes ist Drogenkonsum nicht nur eine Frage einer einzelnen Person, sondern auch ein gesellschaftliches Thema. Anstatt Drogen in Kategorien zu unterteilen, sollten wir anfangen offen und ehrlich über Substanzen zu sprechen und Aufklärung in den Vordergrund stellen. Es gibt kein richtig und falsch, schwarz und weiß, keine klaren Grenzen. Allerdings können wir unsere Erfahrungswerte, die Wissenschaft und Menschlichkeit in unseren Umgang mit Drogen einbeziehen, um Abhängigkeiten zu verhindern. Denn Drogenmissbrauch, um inneren Schmerz zu lindern, ist nie der richtige Weg und sollte keine Möglichkeit sein mit menschlichen Emotionen umzugehen. Wir müssen Betroffenen Alternativen bieten, Behandlungskonzepte ausarbeiten und alle miteinbeziehen. Gleichzeitig müssen wir uns mit unserer eigenen Wahrnehmung von Drogen auseinandersetzen und konstruktiv über den Konsum und Missbrauch sprechen. Prävention ist immer besser und effektiver als Nachsorge. Es wird noch ein langer Weg sein, bis wir das kollektive Verständnis über Drogen und Drogenkonsum verändert haben. Aber anfangen können wir bei uns selbst, indem wir uns informieren und diskutieren und erlernte Denkweisen überarbeiten.

*nur

Text und Illustrationen von Jennifer Wrona