Eine aufsteigende Wärme macht sich breit. Die Nervosität wird größer und das Herz schlägt zumindest ein bisschen schneller. Die Wangen glühen. Man hat sich gerade haarscharf mit einer Notlüge aus einer unangenehmen Situation herausgeredet. Knappe Kiste – aber der Gegenüber hat nichts von diesem kurzen innerlichen Chaos bemerkt und die Ruhe nach dem Sturm kehrt wieder ein, als das Gespräch und auch der Rest des Tages seinen normalen Gang nimmt. Das soziale Konstrukt bleibt unversehrt.

„Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, selbst wenn er dann die Wahrheit spricht.“ - Haben wir so etwas nicht alle schon einmal als Kind von einem Erwachsenen gehört? Dabei sind unsere Eltern eigentlich die ersten, die mit unterschiedlichsten Lügen unsere Kindheit ausschmücken. Aber wir lieben sie trotz dieser kleinen Lügen und Halbwahrheiten meistens bedingungslos. Ehrlichkeit wird dem Menschen schon immer als eine der wichtigsten Tugenden unterbreitet. Aber wie ehrlich sind wir wirklich? Oder viel mehr – wie ehrlich dürfen wir eigentlich sein, wenn es schon als Todsünde gilt, einem Kind die Wahrheit über den Weihnachtsmann zu enthüllen?

Etwa 58% der Deutschen lügen täglich
und das sogar mehrmals.
Zählst du dazu?

Laut einer repräsentativen Studie der Splendid Research GmbH lügen 58% der Deutschen täglich. Über die Hälfte von uns steht also jeden Tag Wahrheit und Lüge getarnt als Höflichkeit gegenüber und wir müssen wählen. Entscheiden wir uns für die Wahrheit, verletzen wir damit im schlimmsten Fall jemanden oder machen uns unbeliebt. Wir sehen unser soziales Umfeld schon allein bei dem Gedanken an unsere ehrliche Meinung förmlich zerbrechen, vor allem wenn wir wissen, dass sie nicht gerne gehört wird. Aus Angst und Bequemlichkeit greifen wir deshalb zur sicheren, heimeligen Höflichkeit. Schließlich sind zehn Halbwahrheiten oder Lügen doch viel schöner fürs Ego, als eine harte, aber aufrichtige Kritik – oder nicht? Eigentlich würde eine ehrliche Kritik unserem Gegenüber viel eher dabei helfen zu wachsen und das wissen wir ganz genau. Aber wir haben Angst vor Auseinandersetzungen und Ablehnung. Das ist auch okay so – schließlich will niemand wie eine gefühllose Dampfwalze über jegliche Gefühle und Hoffnungen seines Gegenübers rollen. Das zeugt von Empathie. Selbst, wenn die Wahrheit natürlich nicht immer unfreundlich verpackt werden muss, scheuen wir uns dennoch davor sie auszusprechen.

Befragte

1.024

Wie viele davon lügen täglich?

58 %

Wie wird gelogen?

73 %*

*der Befragten lügen im
direkten Gespräch

Infografik Ehrlichkeit 'Hast du gestern gelogen? 42,4 % Ja - 47,6 % Nein'
Infografik Ehrlichkeit Schriftzug 'Gründe'
Infografik Ehrlichkeit - 40 %

Fleiß oder Engagement vortäuschen

Infografik Ehrlichkeit - 49 %

Jemanden aufmuntern oder eine Freude bereiten

Infografik Ehrlichkeit - 39 %

Menschen vermeiden oder in Ruhe gelassen werden

Infografik Ehrlichkeit - 37 %

Zum Schutz oder Trost spenden

Aber was passiert überhaupt, wenn wir uns selbst und andere belügen - über unsere Gefühle, unseren emotionalen Zustand, unsere Wünsche und Gedanken? Im Grunde genommen mauern wir uns damit in unserem eigenen Glashaus ein. Lüge um Lüge baut sich um uns herum auf, bis ein kleiner Stein das gesamte Konstrukt scheppernd über uns zusammenbrechen lässt. Ich denke kaum eine*r antwortet auf ein „Wie geht’s dir?“ mit seinen tatsächlichen Gedanken. Darauf gibt es ein kurzes „Gut und dir?“ und die Sache hat sich erledigt. Tatsächlich nutzen 39% der lügenden Menschen ihre Lüge, um andere Menschen zu vermeiden oder um von ihnen in Ruhe gelassen zu werden. Aber warum ist das so? Klar, manchmal sind wir einfach nicht in Stimmung für eine ausschweifende Unterhaltung über uns und unseren Gefühlszustand. Aber vielleicht wollen wir anderen auch einfach nicht zur Last fallen oder wir belügen uns selbst über unseren emotionalen Zustand, um uns besser zu fühlen – quasi als eine Art Selbstschutz. Dabei sind unsere Emotionen etwas sehr wertvolles und schönes – sie machen den Menschen zum Menschen. Wenn uns jemand wirklich wertschätzt, dann wird dieser Jemand uns nicht für unsere Ehrlichkeit verurteilen. Und schon gar nicht sollten wir uns selbst für unsere eigenen und ehrlichen Emotionen verurteilen.

Vielleicht verheimlichen wir unsere Probleme, Gedanken und Meinungen auch lieber, weil wir Angst vor Unverständnis haben. Je nach Standpunkt und Thema der Aussage brechen wir vielleicht weitere Tabus und thematisieren Dinge, über die nicht oder nur ungern gesprochen wird. Tabuthemen sind ein großer Auslöser für Unehrlichkeit. Je brisanter und vermeintlich unaussprechlicher das Tabu, desto mehr verdrehen wir unsere eigene Meinung und lügen wie gedruckt, um nicht anzuecken. Immerhin 26% der Befragten lügen, um dazuzugehören oder gemocht zu werden. Dabei sollte genau für dieses Anecken die Ehrlichkeit genutzt werden. Sie ist dafür da, um unsere Meinungen und Standpunkte zu vertreten und nicht, um selbst zum Tabu zu werden. Sie muss genutzt werden, um eine klare und offene Kommunikation mit unseren Mitmenschen zu fördern.

Das alles klingt jetzt so, als würden wir alle im Alltag, ohne Rücksicht auf Verluste, wie gedruckt lügen. Das stimmt so natürlich auch nicht. Für 83,1% der Befragten ist der Grund die Wahrheit zu sagen, dass sie selbst nicht belogen werden wollen. Schon irgendwie logisch, wer will schließlich von Freund*innen und Bekannten oder sogar von seinem Partner*in im Durchschnitt 26 Mal pro Monat belogen werden, selbst wenn es dazu dient einem eine Freude zu machen?

Vielleicht ist das auch der Grund für das unerwartet positive Ergebnis einer weiteren Studie zum Thema Ehrlichkeit. Neben den doch recht ehrenwerten Gründen zum Lügen, gibt es schließlich noch die, die eben einfach ganz egoistisch einem selbst dienen. Hast du schon einmal eine Geldbörse gefunden und sie behalten? Oder hast du sie beim nächsten Kiosk oder der Polizei abgegeben? Damit beschäftigte sich eine Studie von Forschern aus der Schweiz und den USA. Sie ließen etwa 17.000 herrenlose Geldbörsen mit Kreditkarten, teils mit Schlüsseln und mal mehr oder mal weniger hohen Geldbeträgen von Helfern der Studie unter anderem an Hotelrezeptionen, Kinokassen, in Banken und bei der Polizei abgeben. Das Ergebnis hierbei fiel, entgegen vieler Erwartungen, sehr positiv aus. Tatsächlich wurden 51% der Geldbörsen mit Beträgen von rund zwölf Euro an ihren Besitzer zurückgegeben. Hier lies sich beobachten, dass die Besitzer umso öfter kontaktiert wurden, je höher der Betrag war, der sich in der Geldbörse befand. Von den Geldbörsen ohne Inhalt, fanden nur 40% ihren Besitzer wieder. Wurde aber ein Schlüssel zusammen mit der Geldbörse abgegeben, so wurden diese unabhängig vom Geldbetrag deutlich öfter abgegeben.

Was sagt uns das also? Die Studie wirkt auf den ersten Blick vielleicht recht trivial, aber wir können daraus schließen, dass wir es mit der Ehrlichkeit nicht immer auf die leichte Schulter nehmen. Egal in welche Richtung, ob Lüge oder Wahrheit, bei beiden Entscheidungen spielt unser Gewissen und die Art und Weise, wie wir von anderen wahrgenommen werden eine nicht unbeachtliche Rolle. Wir lügen, um gemocht zu werden und sagen die Wahrheit, um uns, wie zum Beispiel in der Studie über die verlorenen Geldbörsen, nicht wie ein Dieb zu fühlen. Dabei kann Ehrlichkeit und das Aussprechen einer tabuisierten Meinung oder eines Gedanken zu so viel mehr Beitragen, als zu unserem eigenen Wohlbefinden. Genau das müssen viel mehr Menschen verstehen.

Ehrlichkeit ist eine Tugend – ja – aber auch nur dann, wenn sie anderen gefällt. Wenn nicht, wird aus ihr in nur einem kurzen Augenblick ein Tabu. Sicherlich ist gnadenlose Ehrlichkeit nicht in jedem Moment der richtige Weg. Wir müssen auch als ehrliche Menschen empathisch und fair handeln und gerade negativ wirkende Ehrlichkeit in angebrachten Momenten aussprechen. Lasst uns jeden Tag ein Stück mehr Raum für unbequeme, aber vor allem auch bequeme Wahrheiten in unserem Alltag schaffen, sowohl uns, als auch anderen gegenüber. Das sorgt dafür, dass wir mit uns selbst ins Reine kommen und uns klar positionieren. Es wird Zeit, dass wir langsam wieder lernen den Filter zwischen unserem Gehirn und unserem Mund nicht ständig über unsere Gedanken zu blenden. Es ist vielleicht nicht immer bequem, aber welche Dinge, die wirklich eine Veränderung bewirken, sind schon einfach?


Text und Illustrationen von Michelle Weczerek

Titelbild | Illustration Mädchen mit Gewusel im Kopf