Überschrift | Kleptomanie
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Eine Krankheit mit rechtlichen Folgen

Hast du schon einmal etwas gestohlen? Ja? Weil du dir den Gegenstand nicht leisten konntest oder einfach, weil du es mal ausprobieren wolltest? Leidet man unter Kleptomanie hat man diese Wahl jedoch nicht. Unter Kleptomanie versteht man krankhaftes Stehlen. Ein Krankheitsbild von dem man nur selten etwas hört, wenn überhaupt. Denn die Betroffenen sind oft zu beschämt, um sich Hilfe zu suchen oder haben Angst vor den Konsequenzen und das, obwohl sie nicht einmal etwas für ihre Taten können. Leider führt diese Zurückhaltung auch dazu, dass es bis heute noch viele Uneinigkeiten über die Krankheit gibt.

Was versteht man unter Kleptomanie?

Bereits vor 200 Jahren beschäftigten sich 61 Psycholog*innen und Psychiater*innen mit dieser Krankheit, die man damals zunächst „Klopemanie“ und später Kleptomanie nannte. Der Begriff kommt aus dem Griechischen (von griech. kléptein = stehlen und manía = Raserei, Wahnsinn). Damals wurden viele Krankheitsbilder den sogenannten „Monomanien“, partiellen Störungen des Willens bei eigentlich uneingeschränkter intellektueller Leistungsfähigkeit, zugeordnet. Einige von ihnen haben genau wie die Kleptomanie aber eigentlich nichts mehr mit unserer heutigen Definition von Manie(= ein psychologischer Zustand extremer Euphorie) zu tun. Alleine der Name ist geblieben. Das Gleiche gilt beispielsweise für die Pyromanie (= ein krankhafter Trieb Feuer zu legen). Das pathologische Stehlen definiert man heutzutage als eine Störung der Impulskontrolle, also das Versagen einem Impuls oder einer Versuchung zu widerstehen, auch wenn dies für sich selbst oder andere schädlich ist. Die Betroffenen verspüren dabei in diesem Fall einen starken Drang etwas zu stehlen und können ihm letztendlich nicht widerstehen. Sie können ihre eigenen Handlungen nicht mehr kontrollieren.

Wer ist davon betroffen?

Es ist ziemlich schwierig die Anzahl an Betroffenen einzuschätzen, generell geht man jedoch davon aus, dass von etwa 100 Ladendieb* innen fünf an Kleptomanie leiden. Fast zwei Drittel der Erkrankten sind Frauen. Früher wurde die Krankheit auch als „Frauenleiden“ bezeichnet und teilweise auf die Hormone geschoben. Dass auch Männer darunter litten, wurde vernachlässigt. Ein Grund hierfür ist vermutlich auch das damalige Frauenbild und das dafür untypische Stehlen. Heute weiß man jedoch, dass die Geschlechter vor allem aus charakterlichen Gründen unterschiedlich anfällig für Krankheiten sind. Während Frauen ihre Probleme eher mit sich selbst ausmachen, sie unterdrücken oder verstecken, ist das bei Männern eher weniger der Fall. Selten unterdrücken sie ihr Leiden, sondern wandeln es um und finden Ventile. Zudem richten sie vor allem ihre Aggressionen nicht gegen sich selbst, wie viele Frauen es tun. Dadurch sind Frauen anfälliger für Krankheiten wie Kleptomanie und Bulimie, Männer hingegen für Alkoholismus und Spielsucht. Das Alter macht bei Kleptomanie jedoch kaum einen Unterschied, außer, dass es im hohen Alter nachzulassen scheint. Interessant ist jedoch, dass es sich meist um Angestellte, Hausfrauen oder Akademiker*innen handelt.

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Woran erkennt man Kleptomanie?

Doch woran erkennt man denn, dass es sich um pathologisches Stehlen handelt. Den meisten Ladendieb*innen sind an dem Gegenstand, den sie stehlen oder seinem Wert interessiert. Es gibt aber auch viele Fälle, in denen es sich um Jugendliche handelt, die den Diebstahl als eine Art Mutprobe oder Rebellion sehen. Bei Kleptomanie gibt es keine solche Motivation. Die Betroffenen verspüren einen immer stärker werdenden Drang etwas einzustecken, dem sie irgendwann einfach nicht mehr standhalten können. Meistens handelt es sich um Gegenstände, die für sie keine besondere Bedeutung haben oder die sie sich ohne Probleme selber hätten kaufen können, wie eine CD oder eine Salatsauce. Heutzutage wird dies auch „Diebstahl ohne Bereicherungstendenz“ genannt. Größtenteils wird deshalb das Diebesgut danach auch einfach weggeworfen, an Freunde verschenkt oder einfach in Originalverpackung gehortet. Hin und wieder bringen sie es sogar zurück, doch dafür ist die Angst erwischt zu werden dann meist zu groß. Die vor der Tat immer mehr ansteigende innere Spannung, wird dann während oder kurzfristig nach der Tat zu einer inneren Befriedigung. Nicht selten vergleichen Psycholog*innen dies mit einer Art Orgasmus. Danach empfinden die Betroffenen jedoch sehr starke Schamgefühle und sie versuchen die Tat zu verheimlichen. Jedoch nicht nur, weil sie dadurch in Schwierigkeiten kommen könnten oder um ihr Gesicht zu wahren, sondern weil sie wissen, dass es nicht nur illegal, sondern auch falsch ist. Sie haben meist ein normales Moralverständnis und würden von sich aus nicht stehlen. Sie können es jedoch nicht aufhalten und werden deshalb auch oft depressiv. Besondere Merkmale, auf die beispielsweise forensische Psychiater*innen bei einem Gerichtsfall achten, sind deshalb die „Persönlichkeits- Fremdheit der Tat“ und eine mangelnde Vorsicht während der Tat, wobei letzteres recht umstritten ist, da schließlich meist nur die Fälle zu Tage kommen, in denen Betroffene ertappt wurden.

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Wie kommt es zu der Krankheit?

Es gibt unzählige Ursachen, die zu Kleptomanie führen. Wichtig hierfür zu wissen, ist jedoch, dass Psycholog*innen sich noch immer nicht einig sind, ob es sich hierbei um ein eigenes Krankheitsbild handelt, es immer nur in einer Co-Morbidität (einer Kombination aus zwei oder mehr seelischen Leiden) oder gar nur als ein Symptom einer anderen Krankheit auftritt. Fakt ist, dass Kleptomanie selten alleine auftritt. Bis zu 60% leiden zusätzlich an Angststörungen, ebenso viele an Essstörungen. Bis zu 45% leiden an Suchterkrankungen und weitere 40% an depressiven und/ oder manischen Zuständen. Aber oft auch in Verbindung mit Persönlichkeitsstörungen, Schizophrenie oder Fetischismus. Diese Krankheiten können die Ursache für pathologisches Stehlen sein, doch es gibt auch andere Möglichkeiten. Einige Wissenschaftler glauben, dass das Stehlen eine Art Lustgewinn mit masochistischer Neigung ist oder die Betroffenen so versteckte Aggressionen ausleben. Weiter verbreitet ist jedoch, dass Kleptomanie beispielsweise auch durch ein traumatisches Erlebnis in der Kindheit, Konflikte in der Familie oder im Beruf, aber auch durch ein sehr geringes Selbstbewusstsein und sonstige soziale Faktoren ausgelöst werden kann. Sie spielen genauso wie Stress, Liebesentzug und Unterdrückung eine große Rolle, wenn es um die Affekt- und Impulskontrolle geht.

Sind Erkrankte strafbar?

Leider ist Kleptomanie jedoch nicht einfach nur eine Krankheit, sondern führt eben immer wieder zu einer Straftat. Und auch wenn es mittlerweile ein anerkanntes Krankheitsbild ist, führt es vor Gericht nur selten zu Strafminderung. Ein Grund hierfür ist, dass es für forensische Psychiater*innen, die damit beauftragt werden einen Angeklagten zu untersuchen, oft noch immer sehr schwer ist, die Krankheit nachzuvollziehen oder alleine zu definieren. Sie können sich an den generellen Merkmalen der Krankheit festhalten und doch kommt eine Strafminderung erst, wenn zusätzlich eine andere ausschlaggebende Krankheit vorliegt, beispielsweise Schizophrenie. Das Problem ist auch, dass viele Betroffene sich nur selten freiwillig untersuchen lassen oder zur Behandlung gehen. Meist erst, wenn sie erwischt worden sind und es vom Gericht angeordnet wird, dass sie in Therapie gehen. Zuvor haben sie zu große Angst und hoffen einfach, dass sie irgendwie davon kommen, doch das hilft in einem Gerichtsfall dann eher weniger. Jedenfalls kommt es so immer wieder zu Straftaten und bei Wiederholungstätern steigt das Strafmaß bekanntlich stetig an. So kann es sein, dass Betroffene wegen einer Salatsauce teilweise drei Monate im Gefängnis verbringen. Das ruiniert nicht nur ihren Ruf, sondern auch oft ihr meist komplett normales Leben.

Wie kann man dagegen vorgehen?

Wie bereits erwähnt, gehen Betroffenen meist erst in Therapie, wenn es vom Gericht angeordnet wird. Leider gibt es vor allem dadurch für die Krankheit bisher kein wirkliches Behandlungskonzept und auch Medikamente, die gegen Impulskontrollverluststörungen helfen, fehlen. Die Behandlung besteht deshalb meist aus einer Verhaltenstherapie, die auch bei Zwang eingesetzt wird und den Betroffenen helfen soll, den Drang besser zu verstehen und kontrollieren zu können. Zusätzlich werden meist aber auch Antidepressiva verschrieben. Sehr wichtig ist bei dieser Therapie jedoch auch, herauszufinden, was die Ursache für das pathologische Stehlen ist. Da Kleptomanie häufig zusammen mit anderen psychischen Erkrankungen auftritt, kann eine Therapie dieser Erkrankungen zu Besserungen führen. Das Gleiche gilt, wenn die Krankheit durch Stress oder Ähnliches ausgelöst wurde. Findet man die Ursache, kann man die Krankheit besser bekämpfen. Weitere Ansätze sind Gestaltungs- oder Familientherapien, aber auch Selbsthilfegruppen können viel helfen. Sie zeigen den Erkrankten, dass sie nicht alleine sind und können dabei helfen, die Scham zu nehmen und besser mit der Krankheit umzugehen.

Text und Illustrationen von Maren Natho

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