Was haben Heidi Klum, Emmanuel Macron und Donald Trump gemeinsam – außer, dass sie alle Menschen des öffentlichen Lebens sind? Sie haben alle einen deutlich jüngeren oder älteren Partner*in an ihrer Seite. In diesem Punkt unterscheiden sich die Paare noch dahingehend, dass in der Beziehung von Donald und Melania Trump, die Frau der jüngere Partner ist – bei den beiden anderen Paaren ist es andersherum. Bei diesen beiden Beziehungsmodellen akzeptieren es Außenstehende eher, wenn der Mann der ältere Partner ist, als wenn es die Frau ist. Aber wieso ist das so?

Dies ist auf die frühere Rollenverteilung zurück zu führen. Der Mann war der Verdiener und Ernährer, weshalb er für junge Frauen attraktiv und sie auf ihn angewiesen war. Eine junge Frau versprach im Gegenzug Nachkommen und Zustimmung. Auf Grund dieser Verteilung war eine ältere Frau mit einem jüngeren Mann damals kaum vorstellbar.

Aber wieso hält sich dieses Klischee so hartnäckig, obwohl Frauen heute ebenso Karriere machen und die Ernährerin der Familie sein können wie Männer?

Liegt es daran, dass der Mensch alles was nicht der „Norm“ entspricht als „anormal“ und damit als minderwertig abstempelt oder bringen Beziehungen mit einem deutlich größeren Altersunterschied tatsächlich mehr Probleme mit sich, als andere Beziehungen?

Um diese Frage näher zu beleuchten, habe ich zwei Paare mit großem Altersunterschied zu ihren Beziehungen befragt. Bei dem einen Paar ist die Frau 22 Jahre älter als ihr Partner und bei dem anderen ist der Mann der 33 Jahre ältere. Aus ihren Aussagen und weiterer Recherche und Statistiken, wurden die folgenden Erkenntnisse gezogen.

Zunächst sollte festgehalten werden, dass es in jeder Beziehung Probleme gibt, die häufig gut lösbar und manchmal unüberwindbar sind. Ein Problem, dem sich Paare mit großen Altersunterschied oft gegenüber sehen, ist ein gemeinsamer Zukunftsplan. Je nachdem wie groß der Altersunterschied ist, können die Partner in verschiedenen Lebensabschnitten stecken – der eine studiert noch, während der andere bereits Kinder hat, geschieden ist und fest im Job steht. Zukunftspläne können ebenfalls Streitpunkte in Beziehungen mit gleichaltrigen Partnern sein, doch für Paare mit großem Altersunterschied kann diese Problematik eine ganz andere Dimension erreichen, da zum Beispiel der Kinderwunsch eine ganz andere Dringlichkeit mit sich bringt.

Doch auch hierbei handelt es sich um ein Problem, was nicht auf jedes Paar zutrifft, sondern häufig von Außenstehenden in die Beziehung hinein projiziert wird. Nicht jede*r 30 Jährige möchte in diesem Moment eine Familie gründen und nicht für jede*n Mittfünfziger ist die Familienplanung abgeschlossen. Für die befragten Paare kam es in dieser Hinsicht nicht zu Problemen. Beide älteren Partner haben Kinder mit in die Partnerschaft gebracht. Für die Beziehung mit der Frau als ältere Partnerin, war die Familienplanung damit abgeschlossen – aber nicht nur weil sie keine Kinder mehr wollte, sondern auch, weil ihr Freund keine eigenen Kinder möchte. Das andere Paar kann sich hingegen vorstellen auch gemeinsam noch Kinder zu bekommen, auch wenn der Mann bereits 50 ist. Die Gesellschaft vermittelt gerne, wann für was der richtige Zeitpunkt im Leben ist – aber darf das nicht für jeden ein anderer sein?

Dieser Gesellschaftsdruck und häufige, negative und hässliche Kommentare gegenüber Paaren mit großem Altersunterschied, sind ein Grund warum dieses Beziehungsmodell eher scheitert und seltener vorkommt, als Beziehungen zwischen gleichaltrigen Partnern. Zum Vergleich haben 25 % der homosexuellen Paare einen großen Altersunterschied und die Beziehungen funktionieren gut, da sie eh nicht der „Norm“ entsprechen und sich so dem traditionellen Druck der Familienplanung entziehen können.

„Alter ist ein Geisteszustand und wenn es um Beziehungen geht, nur eine Zahl im Personalausweis.“
Robert Urban

Ob ein Paar wirklich zusammen passt, ist nicht vom Alter abhängig, schließlich behauptet doch sowieso jeder zweite, sich jünger zu fühlen, als er ist. Das Verhalten und die Reife einer Person sprechen viel mehr für sie, als ihr Geburtsdatum. Ein häufiger Grund dafür, dass Frauen sich zu älteren Männern hingezogen fühlen, ist darauf zurückzuführen, dass sie bundesweit im Durchschnitt 4 Jahre reifer sind, als gleichaltrige Männer. Viele können daher mit einem gleichaltrigen Partner nichts anfangen - ihr Wesen ist älter, als die Zahl in ihrem Personalausweis. In einem älteren Partner finden sie die Sicherheit und Erfahrung, sowie Zuvorkommenheit, die sie bei gleichaltrigen Partnern vermissen. Aber auch jüngere Männer suchen sich häufig eine ältere Frau als Partnerin, weil diese emotional stabiler ist und schon genau weiß, was sie möchte. Gleichaltrige Frauen sind für den Mann hingegen häufig schwer lesbar. Hinzu kommt, dass dieses Modell auch sexuell sehr gut funktioniert, da das Lustempfinden der Frau im Alter zunimmt und deshalb gut durch einen jüngeren Mann ergänzt wird, da der Sexualtrieb des Mannes erst im Alter abnimmt.

„Manchmal sollte man einfach nicht zu viel nachdenken. Wenn es sich richtig anfühlt, dann ist es wahrscheinlich auch so.“
Waldemar Holzer

Während die jüngeren und älteren Partner*innen dieses Beziehungsmodells häufig ganz individuelle Gründe haben, warum sie ihren Partner*in lieben, gibt die Gesellschaft nur wenige Gründe für eine solche Beziehung vor: Geld, Sex und Komplexe. Nicht selten müssen sich die Paare Sprüche wie „Tob‘ dich mal aus!“, „Kann der dich überhaupt noch befriedigen?“ oder „Sie will doch nur sein Geld!“ anhören. Während einige Kommentare nicht einmal negativ gemeint, aber trotzdem verletzend sind, zielen andere genau darauf ab. Außenstehende möchten nicht akzeptieren, dass es sich zwischen den Partner*innen tatsächlich um Liebe handelt und nicht um einen „Vaterkomplex“ oder den „Wunsch nach Jugend“.

Gerade Machtgier wird Männern mit jüngeren Frauen häufig nachgesagt. Dies ist ein Punkt, den man in der Beziehung vielleicht gar nicht immer beurteilen kann, weshalb es sinnvoll sein kann, das Umfeld zu diesem Thema zu befragen. Was für Außenstehende aber teilweise als Machtgefälle wahrgenommen wird, kann für den jüngeren Partner*in auch befreiend wirken. Während dieser nämlich zum Beispiel auf der Arbeit oder in seinem Freundeskreis häufig Entscheidungen treffen muss, kann er das guten Gewissens seinem Partner*in überlassen. Natürlich sollte er/sie sich noch seine eigene Meinung bilden, aber es tut ihm/ihr gut auch mal Schwäche zeigen und Verantwortung abgeben zu können. Beide befragten jüngeren Partner, empfinden ihre Partner*in nicht als einschüchternd oder übermächtig, sondern haben ganz im Gegenteil von der Erfahrung und Stabilität ihres Partners profitiert. Im Gegenzug lieben die älteren Partner den Tatendrang, die Lebensfreude und -einstellung an ihre jüngere Partner*in.

Warum kann die Gesellschaft es also nicht gut heißen eine glückliche Beziehung zu sehen, nur weil die Partner*innen nicht dasselbe Alter haben? Warum darf nicht jeder selbst entscheiden wen er/sie liebt, solange es keine rechtlichen Konflikte gibt? Tatsächlich könnten sich sogar, laut einer Umfrage, die das „Statista Research Department“ am 02.07.2019 veröffentlicht hat, fast die Hälfte der Deutschen vorstellen eine ältere Partner*in zu haben, auch wenn sie nicht danach suchten. Doch sucht danach wohl keiner, sondern Liebe passiert ungefragt.

Eine Beziehung mit einer älteren Partner*in birgt ein Problem, das die meisten anderen Beziehungen nicht haben – die Partner können nicht gemeinsam alt werden. Dieser Punkt ist für viele Menschen in diesem Beziehungsmodell nicht einfach, es macht sie sehr traurig zu wissen, dass ihre Partner*in höchstwahrscheinlich deutlich früher sterben wird, als sie selbst. Doch kann das alleine wirklich Grund genug sein, eine Beziehung mit einer älteren Partner*in auszuschließen?

„Wenn Sie offen auf Ihren Partner zugehen, dann ist die Unterschiedlichkeit nicht trennend, sondern bereichernd.“
Bettina Brockmann

Nein. Denn die befragten Paare sind sich einig, dass sie in ihrer Beziehung glücklicher sind als sie es in einer Beziehung mit einem gleichaltrigen Partner waren. Ein Grund dafür ist, dass die meisten Paare mit großem Altersunterschied viel häufiger und offener miteinander reden und kommunizieren. Während Gemeinsamkeiten, wie etwa ein ähnlicher Humor, sehr wichtig für die Partnerschaft sind, ist in diesem Beziehungsmodell vor allem Freiraum sehr wichtig, da die Partner häufig unterschiedliche Interessen haben, sich aber nicht einschränken sollten. Dafür braucht es ein großes Grundvertrauen. Beide Paare geben an, dass sie dieses haben und sie durch ihre Partner*in auf nichts verzichten, sondern sich im Gegenteil durch ihn/sie ergänzt und glücklich fühlen.

Die Mitmenschen könnten dieses Beziehungsmodell, wenn es auftaucht, also ruhigen Gewissens unterstützen und sollten es nicht durch Blicke und Kommentare schwächen. Denn selbst die Kinder unserer befragten älteren Partner*innen, haben gegen die Beziehung ihres Elternteils keine Einwände, auch wenn der/die neue Partner*in nur wenig älter ist, als sie selbst. Während die Gesellschaft dieses Modell negativ beäugt und kommentiert, fühlen sich die Kinder nicht gestört, sondern haben das Gefühl eine neue Freund*in dazu zu gewinnen. Da sich über die Jahre auch andere Patchwork Familien etablieren konnten, könnte die Gesellschaft dieses Beziehungsmodell vielleicht in Zukunft auch als Bereicherung ansehen.

Während diese Art von Beziehung für viele Menschen nur eine Laune zu sein scheint, ist sie für die Beteiligten eine ganz normale Beziehung, wie jede andere auch. Sie wollen für ihre Beziehung auch gar keine Aufmerksamkeit – im Gegenteil: Sie wollen nur so behandelt werden, wie alle anderen. Jeder Mensch hat nur das eine Leben und sollte es so leben dürfen, wie er oder sie es sich vorstellt. Dazu zählt auch zu lieben, wen man möchte, denn das Alter sagt nichts über die Beziehungsqualität aus.

Die Akzeptanz für dieses Beziehungsmodell ist in den letzten Jahren durch mehr Raum in den Medien gestiegen. Deshalb der Appell an alle, die sich in eine deutlich ältere oder jüngere Person verliebt haben, zu ihren Gefühlen zu stehen und einer Beziehung eine Chance zugeben. Nur so können Vorurteile abgebaut werden und dieses Beziehungsmodell aus den Tabus der Gesellschaft gestrichen werden.


Text von Rena Hambsch genannt Müller
Illustrationen von Michelle Weczerek