Wenn man als Frau seine Brust auf Instagram posten will, dann muss man kreativ werden, denn die Community Richtlinien lassen nur Männern die Freiheit, ihre Nippel unzensiert hochzuladen. Über 4 Millionen Beiträge wurden unter dem Hashtag #freethenipple veröffentlicht - aber wie ist die Geschichte um das Nippel-Verbot eigentlich abgelaufen?

Der Ursprung von #freethenipple

New York 2012 - die Filmemacherin Lina Esco läuft „Oben ohne“ durch die Straßen und dreht dazu eine Dokumentation, welche sie auf Facebook mit #freethenipple bewirbt. Das ist die Geburtsstunde einer der größten feministischen Kampagnen und Bewegungen, welche jedoch erst dank Sängerin und Schauspielerin Miley Cyrus weltweit bekannt wurde. Durch eine Zusammenarbeit im Spielfilm „LOL“ mit Esco wurde Miley Cyrus inspiriert und postete 2013 ein Bild auf Instagram, auf welchem sie einen Fake-Nippel vor ihr Gesicht hält und verlinkt „freethenipple“ in der Bildbeschreibung - dies war der entscheidende Schritt der Brüste in Social Media revolutionieren sollte. Nicht nur Miley Cyrus, sondern auch andere Celebrities wie Jennifer Aniston, Rihanna, Cara Delevingne, Naomi Campbell und Willow Smith sprechen sich für #freethenipple aus und der Hashtag ist somit immer noch weit verbreitet und viel genutzt auf der ganzen Welt.

4,1 Mio Beiträge zu #freethenipple
lassen sich auf Instagram finden.
Im Vergleich: #cat hat 209 Mio Beiträge.

Instagrams strenge Richtlinien

Instagram (gehörend zu Facebook) nimmt die Zensur von weiblichen Brustwarzen jedoch besonders genau:

„(...) Aus verschiedenen Gründen ist die Darstellung von Nacktheit auf Instagram jedoch nicht zulässig. (...) Dazu zählen Fotos, auf denen Brustwarzen von Frauen zu sehen sind. Fotos, die Narben nach einer Brustamputation oder aktiv stillende Mütter zeigen, sind jedoch erlaubt. Auch Nacktheit in Fotos, die Gemälde und Skulpturen abbilden, sind in Ordnung.“

Eine Künstliche Intelligenz und rund 15.000 Mitarbeiter*innen sortieren die Bilder aus, welche durch eine hohe Reichweite oder Meldungen von User*innen auffallend gegen die Richtlinien verstoßen. Dass dies nicht immer fehlerfrei funktioniert, ist unvermeidbar, was jedoch nur für mehr Menschen sorgt, welche das Verbot einfach komplett aufheben wollen, um solche Fehler unmöglich zu machen. Über die Zeit kam auch eine weitere Gruppe an Kritikern auf, welche das Verbot nicht nur sexistisch, sondern auch transfeindlich finden. Transsexuelle, oberkörperfreie Männer können als weiblich eingestuft und das Bild gelöscht werden.

Oft wurde Instagram nach einem Statement gebeten, warum sie solch strenge Richtlinien durchsetzen, doch eine lange Zeit musste vergehen, um den wahren Grund zu bekommen: Apple hat durch den AppStore eine klare Regel geschaffen was Nacktheit auf ihren dort angebotenen Apps angeht. Weibliche Brüste dürfen nur in Apps welche als 17+ eingeordnet werden gezeigt werden. Instagram ist allerdings ab zwölf Jahren und dies soll auch so bleiben, was der Grund für das strenge Nippel-Verbot ist.

Ein Instagram-Profil hat es sich zur Aufgabe gemacht dieses Verbot zu umgehen. Sie nennt sich „genderless_nipples“ und dort werden Nahaufnahmen von Brustwarzen gepostet, das geschlecht hinter dem Nippel spielt dabei keine Rolle. Dieser und viele weitere kreative Ansätze haben auf Instagram einen Graubereich in den Richtlinien gefunden und nutzen ihn, um den Unmut und die Meinung jenen Regeln gegenüber deutlich zu machen.

Kunst als Sprachrohr

Ich habe mich ein mal selbst auf Instagram umgeschaut und eine wahnsinnig große Vielfalt an Beiträgen aller Art vorgefunden. Nicht nur stillende Mütter und Frauen bei einem Sonnenbad sind zu sehen, sondern auch viele kreative Menschen Töpfern, Filmen und Illustrieren rund um die Uhr zum Thema Brüste um so auf dieses Thema aufmerksam zu machen und zu entsexualisieren. Die folgenden Zitate sind Wortgenau übersetzt und spiegeln eine allgemeine Meinung der Nutzer- und Nutzerinnen in dieser Community wider.

#freethenipple User:

Foto: Handgearbeitete Tasse mit Brüsten

„Meiner Meinung nach ist es wichtig weibliche Brüste im Social Media „Meiner Meinung nach ist es wichtig weibliche Brüste im Social Media zu zeigen, denn es geht bei ihnen nicht nur um die Sexualisierung der Frau. Die Brust ist zum Füttern von Babys gedacht und das Füttern unserer Babys darf nicht sexualisiert werden! Freiheit des Ausdrucks ist wie die freie Meinungsäußerung und sollte nicht durchs Geschlecht bestimmt sein.“

Hilary aus Californien. Gemeinsam mit ihrem Mann töpfert und drechselt sie in Handarbeit Tassen und Vasen, verziert mit Brüsten. (Instagram: @thirdhandstudios)

„Wir produzieren “Boobie” (engl. für Brüste) Untersetzer und verkaufen sie. Es ist lustig und albern, was ein wichtiger Teil ist, um Nippel zu normalisieren und zu entsexualisieren.“

Lucy Weston aus Großbritannien. Gemeinsam mit ihrer Frau Vicki Leach führt sie den Online Shop Two Girls Co., in dem selbst designte Dekoration und Accessoires vertrieben werden. (Instagram: twogirls_co)

Untersetzer in Nippeloptik
Foto: Junge Fraz mit weißem T-shirt und durchscheinenden Brustwarzen

„Es ist traurig, dass Frauen das Gefühl bekommen, sich für ihren natürlichen Körper schämen zu müssen und sich darum einen BH kaufen, um das was darunter ist, zu verstecken oder zu verändern.“

Stevie aus Kanada, sie bloggt darüber, die Freiheit im Leben wieder zu gewinnen. (Instagram: @stevie.mar.le)

„Von einem künstlerischen Standpunkt aus gesehen, ist der nackte Mensch schon immer wichtig gewesen, denn die Kunst zeigt ihn ohne die gesellschaftlichen Zwänge und Einflüsse und dies sollte auch heute möglich sein!“

Ilenia Notarangelo aus Italien. Creative Director von Illo, einem Designstudio für Motion Design und Illustration. (Instagram: ile_no)

Foto: Nackte Frau im Sand

Boobhead-Kampagne

Bei meinen Recherchen auf Instagram bin ich über ein künstlerisches Projekt besonders gestolpert: Die Film- und Fotoserie „Boobhead“ der Berliner Fotografin Annique Delphine, welche durch einen Stressball mit Brust-Motiv inspiriert wurde. Und so kann man sich den „Boobhead“ auch vorstellen: die Motive haben immer zentral im Bild eine Ballrunde Brust, z.B. als Eiskugel in einer Waffel, gebunden zu einer Art Blumenstrauß oder als runden Pappmache- Kopf auf einem Model — was namensgebend ist für dieses Projekt, welches ihr auch unter @anniquedelphine auf Instagram finden könnt. In einem Interview aus dem Jahr 2017 erläutert sie ihre Beweggründe zu dieser außergewöhnlichen Motivwahl:

„Ich wollte zum Ausdruck bringen, was es mit Frauen macht, wenn unsere Körper wie ein Objekt behandelt werden und uns immer und immer wieder vermittelt wird, wie wir auszusehen haben, um ein wertvoller Teil der Gesellschaft zu sein. (...) Ich wollte auf humorvolle Art und Weise ausdrücken, dass ich mich oft auf meinen Körper reduziert fühle. Es ist als Symbol für die Vergegenständlichung weiblicher Körper gedacht.“

Annique Delphine ist ehemaliges Model, schon mit 14 ist sie in die Modeindustrie eingetreten. Schon früh hat sie dadurch die Sexualisierung von jungen Mädchen selbst erfahren müssen. Durch diese und weitere Projekte hat sie diese Erfahrung verarbeitet und ein neues Selbstbewusstsein gewonnen. Auf diese Missstände wollte sie mit ihrem Projekt aufmerksam machen, was ihr erfolgreich gelang.

Dass Instagram jemals etwas an seinen Richtlinien zur Nacktheit ändern wird, ist unwahrscheinlich, aber nichtsdestotrotz lohnt es sich für die Freiheit und Entsexualisierung der weiblichen Brust zu Kämpfen, so dass wir uns eines Tages oberkörperfrei sonnen dürfen – und das überall.

Text und Illustrationen von Cara Bernert