So sieht sie sich

In unserer Gesellschaft vergleichen wir alles, Preise, Werte, usw. Und das schlimmste ist, dass wir uns in dem Prozess selbst beurteilen. Von Kindheit an erleben wir, was die Norm ist. Mit Mühe streben wir in die Form zu passen. Daher kennt jeder von uns diese Zeit im Leben, in der er oder sie mit sich selbst aus unterschiedlichen Gründen unzufrieden war. Für viele dauert es nur einen Moment. Für einige aber dauert es eine Ewigkeit. Wir kennen alle eine Person, die mit sich selbst einfach nie zufrieden ist. Vielleicht bist sogar du diese Person, die traurige Lieder in einem dunklen Raum hört und leise weint, weil du dich als wertlos betrachtest. Emma ist eine dieser Personen. Sie hat akzeptiert ihre Geschichte anonym zu erzählen. Dadurch möchte sie, dass die Betroffenenverstehen, dass sie nicht allein sind.

Illustration | Frau mit von der eigenen Hand verstecktem Gesicht

Ein gewöhnlicher Tag

Jeden Morgen ist ein Seufzer in Emmas Zimmer zu hören. Ein neuer Tag bedeutet für sie neue Gelegenheiten, sich tiefer in die Hölle des Hasses zu schieben. Der Tag fängt an, wie auch alle andere Tage. Und wie immer bemerkt Emma jeden Defekt vor dem Spiegel. Es hat ihr eigentlich nicht geholfen, den Spiegel zu zerschlagen. Sie sieht ihre Mängel genauso klar und deutlich wie vorher. Sie deckt so viel wie möglich ab und geht raus. Auf dem Weg zur Arbeit hört sie Leute lachen. Ihr erster Gedanke war „die lachen doch bestimmt über mich!“. Emma ist nur eine von vielen, die an einer sozialen Phobie leiden. Durch diese Phobie entsteht eine konstante Angst, etwas Peinliches zu tun und ausgelacht zu werden. Die Erkrankung kann so behindernd sein, dass einige aufhören, am sozialen Leben teilzuhaben. Als ob es nicht genug wäre, sich selbst ständig zu hassen, fürchtete Emma auch die Meinung von anderen.
Dieser Tag war für sie wegen ihrer Arbeit schon besonders stressig. Was heißt für Emma, gestresst zu sein? Es bedeutet, dass sie nicht nur Lachen, sondern bereits Blicke als Spott fühlt. An solchen Tagen hat sie das Gefühl, dass alle ihrer Mängel auf den ersten Blick zu sehen sind. Am Arbeitsplatz ging es ihr nicht wirklich besser. Sie hatte das Gefühl, dass ihre Präsentation schiefging. Die Präsentation, für die sie hart gearbeitet hatte, war aber in Wirklichkeit ein Erfolg. Schon seit Längerem hatte sie den Glauben aufgegeben, dass sie etwas gut machen könnte. Sie fühlte sich erfrischt, bis jemand Witze über ihre Fehler gemacht hat. Sie lachte natürlich mit den anderen mit, stürmte aber schon kurz darauf auf die Toiletten.
Einige sagen, dass das ganze Leben vor dem inneren Auge vorbeiläuft, wenn man stirbt. Dieses Gefühl kennt sie. Allerdings nur mit peinlichen Ereignissen, die sie gern vergessen würde. Sie erlebt alles von der Kindheit an wieder. Mit Stimmen in ihrem Kopf, die schreien, wie dumm und wertlos sie ist, dass sie im Leben nichts erreichen wird. Das erlebt sie jedes Mal, wenn etwas Peinliches passiert. Unfähig diese Stimmen auszuschalten erfand sie an diesem Tag eine Ausrede,um sich krankzumelden und ging nach Hause. Es war nicht das erste Mal und leider auch nicht das letzte Mal.

Ein alter Gegner, der nie wirklich weg war

Illustration |Frau mit von den eigenen Händen verdeckter Mund

Das Ganze begleitet sie schon ewig. Emma weiß noch ganz genau, wann es begonnen hat. Ihre Mutter hatte hohe Erwartungen an sie, es zu erfüllen galt. Wenn sie das nicht konnte, hagelte es Kommentare und giftige Wörter. Zu einer ohnehin schon langen Liste kam der folgende Satz hinzu: „Hätte ich bloß abgetrieben!“ Das war dann der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Emma verstand, dass sie unerwünscht war. Ihre Probleme waren für ihre Familie bloß Lügen, Schreien nach Aufmerksamkeit. Langsam aber sicher begann Emma sich selbst zu hassen. Die Worte ihrer Mutter bekamen ihre eigenen Worte. Sie fühlte sich nutzlos. Sie verglich sich ständig mit ihren Geschwistern, bis es zu einer Besessenheit wurde.
Nur ein bisschen Liebe von ihrer Mutter wünschte sie sich. Als sie diese Liebe allerdings endlich bekam, war sie eine junge Frau voller Selbstzweifel, ohne eine Spur von Selbstwertgefühl.
Mit den Medien wuchs ihre Unsicherheit exponentiell. Sie konnte sehen, was gemocht wird. Was als allgemein schön und gut betrachtet wird. Und vor allem konnte sie sehen, dass sie sich in diesen Idealen nicht wiederfinden konnte. Sei es durch das Aussehen, das Verhalten oder die Fähigkeiten.

Ich habe keinen Platz in dieser Gesellschaft

Die heutige Gesellschaft diktiert ständig, welche Fähigkeiten man besitzen sollte, wie erfolgreich man sein sollte, wie man aussehen sollte oder wie man seine Freizeit gestalten sollte. Emma hat nicht das Gefühl irgendwelche dieser Erwartungen zu erfüllen. Aber wie alle strebt sie nach Liebe. Im Laufe der Zeit entwickelte sie eine sogenannte „People-Pleaser-Persönlichkeit“.
Ein „Nein“ ist nicht mehr Teil ihres Wortschatzes. Sie erhofft sich von anderen die Liebe und Wertschätzung, die sie sich selbst nicht geben kann. Dadurch kommt sie nie auf den ersten Platz in ihrem Herzen. Sie weiß, dass sie benutzt wird und ihr die gleichen Gefallen, die sie anderen tut, nie getan werden. Dennoch ist sie sicher nichts zu hören, das ihre inneren Dämonen wecken könnte. So hat sie irgendwie das Gefühl, dass sie wichtig ist, dass sie einen Platz in den Gedanken von jemanden hat. Und trotz ihrer ganzen Bemühungen fühlt sie sich immer einsam, auch wenn sie nicht allein ist.

Du bist perfekt, wie du bist

Das klingt schön, aber für Emma hat das keinen tiefen Sinn. Sie kann nur ihre Mängel wahrnehmen. Diejenigen, die ihr mit Komplimenten helfen wollten, haben inzwischen aufgegeben. Sie hat ihr Herz geschlossen. Sie ist daran gewöhnt Sätze zu hören, wie „Ich möchte nicht mehr von deinen Problemen hören!“, „Gib dir mehr Mühe!“
oder „Andere haben es schwerer als du, wimmern trotzdem weniger als du!“ Das weiß sie, das heißt aber nicht, dass ihr Leid nicht da wäre. Oder nicht wichtig wäre. Sie hatte Angst, ihren Therapeuten zu enttäuschen, wie sie ihre Bekannten enttäuscht hat. Daher hat sie ihre Therapie abgebrochen, als sie merkte, dass es keine Veränderung gab. Seitdem versucht sie kaum über ihre Probleme zu sprechen. Stattdessen täuscht ihre Umgebung mit einer fröhlichen Maske. Sie hat den Weg Sie hat den Weg der Stille gewählt, wo niemand urteilen kann, was unbekannt ist.

In ihrem Leben hat Emma schon viele Selbstwertgefühl stärkenden Techniken ausprobiert, ohne eine Verbesserung zu spüren. Das soll aber nicht heißen, dass solche Techniken generell nicht funktionieren könnten. Ich habe leider auch kein Wundermittel gegen Selbstzweifel. Aber wenn du meinst, dass du schon alles Mögliche versucht hast und dir nichts geholfen hat, bitte ich dich nicht aufzugeben. Vielleicht ist dein Wunderheilmittel schon auf dem Weg zu dir. Ich weiß nicht, wie lange es dauern wird, aber ich weiß, dass die Mühe sich lohnt.

Manchmal wünschte ich,
dass ich voller Liebe
in meinen gebrochenen
Spiegel gucken könnte.

Illustration | weinende Frau

Text und Illustration von Sabine Siakeu Wembou