Unsere Gesellschaft gilt als modern und aufgeklärt und doch ist unser tägliches Leben voll von Tabus. Eigentlich jeder ist betroffen, weil Angst vor gesellschaftlicher Ausgrenzung besteht oder weil es einfach von Kindesbeinen an so vermittelt wurde – mit Absicht oder oft auch unbewusst.
Sei es der Langschläfer, der sich rechtfertigen muss, warum er früh morgens nicht gut gelaunt in den Tag startet und dem fleißigen, ewig arbeitendem Ideal entspricht oder die Hausfrau und Mutter, die mit abwertenden Blicken konfrontiert wird, sobald ihr Gegenüber erfährt, dass sie nicht Karriere macht und sich lieber um ihre Kinder kümmert. (Andersherum würde ihr vermutlich vorgeworfen, sie sei eine Rabenmutter, weil sie nur selten zu Hause ist.)

Tabus entstehen, weil viele Menschen dazu tendieren mit dem Strom zu schwimmen und sich der Mehrheit anzupassen, um gesellschaftlichen Problemen aus dem Weg zu gehen. So werden wichtige Themen, die Minderheiten betreffen in der Öffentlichkeit totgeschwiegen und es braucht erst einen Tabubruch, um darauf aufmerksam zu machen.

Paradoxerweise geht es aber auch andersherum. Heikle Themen werden vorrangig in den Medien besprochen, denn je mehr Aufmerksamkeit, heißt es hier desto mehr Geld und viele schauen unter dem Deckmantel der Anonymität des Internets zu oder beteiligen sich an Diskussionen. Es wirkt fast so, als wären bestimmte Themen enttabuisiert, doch der Schein trügt, denn abseits der Medien ist es noch immer schwer gewisse Themen anzusprechen.

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Muster

Tabus sind unausgesprochene, unhinterfragte, in einer Kultur allgemeingültige Verhaltensweisen. Diese sozialen Normen sind Teil einer funktionierenden Gesellschaft und unterscheiden sich von ausdrücklichen Verboten mit formalen Strafen, welche durch die jeweilige Gesetzgebung eines Landes festgelegt werden. Tabus schützen eine Gesellschaft vor Konflikten und fördern den Zusammenhalt der Gruppe. Sie sind also grundsätzlich nichts Schlechtes und haben bestimmte Schutzfunktionen inne, die ein Regelwerk für das Zusammenleben einer Gesellschaft bestimmen.

Tabus sind überwiegend nonverbal, werden also allenfalls durch Ironie oder bestimmte Mimik oder Gestik angedeutet. Sie lassen sich grundlegend in drei Kategorien einteilen: Das, was nicht gemacht werden soll, das, worüber nicht gesprochen wird und das, worüber nur in einer ganz bestimmten Weise gesprochen wird.

Schon während unserer Sozialisation als Kleinkind wird uns vermittelt, was sich gehört und was nicht. Durch Sätze wie „Das macht man nicht“ oder „Sowas sagt man nicht“ lernen wir, wie wir uns in unserer Kultur zu verhalten haben. Im Gegensatz zu Verboten gibt es bei Tabuverletzungen auch keine formellen Strafen. Die Täter*innen werden jedoch von der Gesellschaft isoliert und ausgeschlossen, gewissermaßen tabuisiert und empfindet häufig Schuldgefühle, Abscheu oder Scham.

Diese Folgen halten das Tabu über lange Zeit aufrecht. Erst wenn die Meinung der Öffenlichkeit beziehungsweise der Mehrheit sich ändert, kann über das bisherige Tabu gesprochen werden. Doch jeder Tabubruch zieht die Entstehung eines neuen Tabus nach sich. So verändern sich Moral, Anstand und Sitten einer Gesellschaft von Generation zu Generation.

Gesichter

Wie entsteht eine öffentliche Meinung?

Diese Frage lässt sich wohl am besten mithilfe der Theorie der Schweigespirale von Elisabeth Noelle-Neumann erklären, welche zu den am häufigsten in den Sozialwissenschaften zitierten Theorien gehört. Elisabeth Noelle-Neumann war Professorin für Kommunikationswissenschaften an der Universität Mainz und Vorreiterin der Meinungsforschung. In ihrer Theorie versuchte sie Meinungsbildungen in der Gesellschaft sozialpsychologisch zu erklären:

Dieser Theorie zufolge betrachtet nämlich jeder Mensch oft unbewusst und ständig das Verhalten, Gestik und Mimik anderer, um einschätzen zu können, welche Meinungen und Verhaltensweisen auf Zustimmung und welche auf Ablehnung stoßen. Aus Angst vor sozialer Isolation, welche die meisten Menschen fürchten, neigen viele dazu die eigene Meinung zu verschweigen und sich dem Meinungsbild der Mehrheit anzuschließen. Außerdem setzen Menschen andere unter Isolationsdruck, indem sie beispielsweise verächtliche Blicke untereinander tauschen oder den Mund verziehen, wenn jemand etwas sagt, was nicht dem aktuellen Meinungsbild entspricht. So kommt es dazu, dass Meinungen, die laut genug vertreten werden, automatisch von anderen Menschen angenommen werden. Laute Meinungsäußerungen auf der einen und Schweigen auf der anderen Seite setzen den Prozess der Schweigespirale in Gang. Außerdem kann die Meinung der Minderheit in der Öffentlichkeit als Mehrheit wirken, wenn diese öffentlich mit Nachdruck vertreten wird. Dementsprechend haben Massenmedien einen maßgeblichen Einfluss auf die Meinungsbildung der Öffentlichkeit.

Daraus lässt sich schließen, dass so zum Beispiel Kommunikationstabus entstehen können. Durch den Prozess der Meinungsbildung kann es dazu kommen, dass die Meinung der Minderheit tabuisiert wird und sich viele trotz gesetzlicher Meinungsfreiheit nicht trauen zu sagen, was sie wirklich über bestimmte Themen denken.

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Wir leben in einer Zeit in der Tabubrüche an der Tagesordnung sind. Sie erregen Aufmerksamkeit und sind Teil der aktuellen Gesellschaft. Die Einhaltung von veralteten Normen und Ansichten wird als spießig betrachtet und ist nicht mehr zeitgemäß. Die Geschichte zeigt, wie lange es dauert, bis alte Verhaltensmuster an Bedeutung verlieren, neue Normen entstehen und von der Gesellschaft angenommen werden. Homosexualität war früher eine Straftat. Heute dürfen gleichgeschlechtliche Ehen eingegangen werden, was ein großer Erfolg ist.
Trotzdem ist das Tabu noch nicht aufgehoben. Nach außen hin wird oft Verständnis vorgetäuscht und doch existieren immer noch - wenn auch seltener - Anfeindungen und Berührungsängste.

Keiner sollte aus Bequemlichkeit oder um unangenehme Situationen zu vermeiden, seine Meinung für sich behalten. Dieses Magazin soll unter anderem als Aufruf zur Courage verstanden werden. Jeder kann dazu beitragen, dass verstaubte Ansichten begraben werden und wir zu einer moderneren Gesellschaft zusammenwachsen in der niemand Angst haben muss anders zu sein – oder vielleicht doch ganz normal?

Darum ist dieses Magazin gefüllt mit verschiedenen Tabus, die uns aufgefallen sind, interessieren und vor allem stören. Denn es ist ein sehr langwieriger Prozess bestehende Tabus aufzuheben und gelingt nur, wenn über das Unaussprechliche gesprochen und ohne Zurückhaltung berichtet wird. Wir versuchen durch ein ansprechendes, lockeres Design zu erreichen, dass ohne Scham mit Freunden, Familie und vielleicht auch Fremden über allgemeine oder die eigenen Tabus gesprochen werden kann.

Text und Illustrationen von Tatjana Gutjahr

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