Ich kann nicht sagen, wie es dir geht, wenn du jemanden an eine schwere Krankheit, an eine Sucht, wie Alkoholismus, oder durch einen Suizid verlierst. Ich kann dir nicht sagen, wie du dich dann fühlst, obwohl ich genau diese Verluste kenne. Trotzdem weiß ich nicht, wie diese Art von Verlust für dich ist, weil ich nur meine Weise der Trauer kenne. Einmal konnte ich nicht mehr schlafen und fing an jede Nacht zu träumen, dieses Mal konnte ich einfach nicht mehr atmen. Ich kann nicht wissen, wie du fühlst, wenn ich nicht einmal selbst das Gleiche fühle, nach demselben Ereignis, dem Sterben.

Jeder Mensch reagiert anders auf den Tod und hat während der Trauer eigene Erwartungen an das Umfeld. Welche Emotionen und welches Verhalten ein Todesfall auslöst, ist daher bei jedem Menschen unterschiedlich. Es gibt kein richtiges oder falsches Trauern, wichtig ist aber, dass die Gefühle nach einem Verlust nicht unterdrückt werden. Niemand kann vorschreiben, wie dieser zu bewältigen ist. Trauer ist außerdem keine vorübergehende Ausnahmesituation, sondern ein lebenslanger Prozess. Nach Verena Kast, einer Schweizer Psychologin, durchlaufen alle Trauernde auf individuelle und sukzessive Weise vier Trauerphasen. In der ersten Phase entwickeln Trauernde eine akute Belastungsreaktion als Folge auf ein traumatisches Ereignis, wie einen Todesfall. Die Situation wird verleugnet und die Betroffenen wollen sie nicht wahrhaben. Je unerwarteter dieses Ereignis auftritt, desto länger dauert die Phase meist an.

Wird diese Belastungssituation, bekannt als Schock, in Gefühle umgewandelt, bricht ein Chaos an Emotionen aus, welche einen selbst zunächst erschrecken, auch wenn sie für den Verlauf des Prozesses wichtig sind. Doch nicht nur emotionale, sondern auch körperliche Auswirkungen erschweren dabei bereits alltägliche Situationen. Die Gefühle und Emotionen müssen trotzdem zugelassen und erlebt werden, damit der Verlust verarbeitet werden kann. Das Verarbeiten ist ein Anzeichen für die dritte Phase und geht meist fließend in die vierte Trauerphase über, in welcher die Betroffenen sich neu ordnen und finden müssen. Der Gedanke an den Verlust wird erträglicher und als Erfahrung gespeichert, der Tod wird langsam greifbarer.

Während die Phasen unterschiedlich durchlaufen werden und jeder Weg anders ist, lässt sich Trauer aus psychologischer Sicht sehr genau definieren. Sie ist ein emotionaler Zustand, ein Prozess bei der Bewältigung einer Trennung oder eines Verlustes durch den Tod. Ein unvermitteltes Auftreten von starken Emotionen wie Schmerz, Traurigkeit, Wut, Neid und Niedergeschlagenheit. Sie selbst ist keine Krankheit, kann aber trotzdem schweren seelischen Schmerz zufügen und folgend krank machen. Der Trauerforscher George Bonanno spricht Betroffenen eine Resilienz zu, also eine psychische Widerstands- und Überwindungskraft, um schwierige Lebenssituationen nach schockierenden Ereignissen, wie ein Trauma, zu bewältigen und zu verarbeiten.

Diese Überwindungskraft suche ich nun ständig in mir und kann mich nicht aufraffen den banalen Alltag anzugehen. Ich schaffe es nicht mehr in meinem eigenen Bett zu schlafen, Musik zu hören und schaffe auch den Einkauf nicht. Ich liege Tag und Nacht auf dem Sofa, um mich herum die Unordnung und starre dabei in die Luft. Der Fernseher läuft ununterbrochen, weil ich keine Ruhe ertragen kann. Den Inhalt verpasse ich, meine Konzentration ist ein Glücksspiel geworden. Ich bewege mich auch nicht und werde wütend, wenn mir Aufgaben zugetragen werden. Aus Trotz verweigere ich sie, weil ich alles selbst bestimmen will, um die Kontrolle zurückzugewinnen, die ich mit dem Tod und der Trauer verloren habe. So lehne ich auch Aufgaben ab, die mir gefallen, nur weil ich sie mir nicht selbst ausgesucht habe.

In mir tut alles weh und doch fühle ich nichts. Finde mich in genau diesem Chaos an Emotionen wieder und schäme mich dabei, weil ich mich eigentlich gar nicht krank fühle. Ich blicke zu Menschen auf, die leider schwer erkrankt und trotzdem so selbstständig sind, bis mir bewusst wird, dass mich die Trauer auch krank gemacht hat. Nicht körperlich, aber seelisch und ich denke daran, wie viele Menschen vergessen, dass beispielsweise eine Depression genauso gefährlich sein kann, wie schwere physische Krankheiten. Diese Erkenntnis gab mir einen guten Grund wieder aufzustehen und das sichere Zuhause kurz zu verlassen – der Therapietermin jeden Mittwoch.

*Jeder trauert anders,
trotzdem steht zuerst meist alles
auf dem Kopf.

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Es gibt bereits Tage, an denen ich frei von Tränen bin. Ich habe aber auch das Gefühl, dass mein Kontingent an Emotionen bereits aufgebraucht ist. Dabei frage ich mich ständig, welche Emotion Trauer eigentlich ist, denn Trauer ist nicht immer nur weinen. Sie ist ein vollgepackter Rucksack an Gefühlen, jeder trägt seinen eigenen und manchmal zerrt er einen tief herunter.

Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit, Ohnmacht und Angst lassen mich am Boden liegen, während ich aber auch glücklich lache, den Therapeuten mit breitem Strahlen oft verwundere und meinen dunklen Humor nicht verloren habe. Plötzlich spreche ich ironischer als vorher und man sieht mir nicht an, dass ich für jeden Tag eine begrenzte Zeit an Heiterkeit habe. Ist diese aufgebraucht, fühle ich mich unendlich müde, weil es für mich anstrengend ist glücklich zu sein, obwohl ich mich nicht verstelle und in den Momenten wirklich glücklich bin. Der Alltag der anderen macht mir einfach noch Angst.
Für diesen Alltag bin ich noch nicht bereit und auf einige Dinge, die mich erwarten, noch gar nicht vorbereitet. Von der einen auf die andere Sekunde trifft mich nicht nur der Verlust, sondern auch das Leben, in dem ich nun neue Aufgaben übernehmen, einen Nachlass verwalten und Kündigungen von laufenden Verträgen schreiben muss, für die ich eigentlich nicht verantwortlich bin. Weinend beantrage ich Dokumente oder storniere Aufträge am Telefon und rufe wütend den Vertreter an, der die Beileidsbekundung direkt an den Verstorbenen adressiert. Fehlt mir dafür nur der Humor? In mir entwickelt sich eine unangemessene Eifersucht auf mein Umfeld, welches nicht betroffen ist und damit nicht zu kämpfen hat. Was machen meine Freunde, während ich einen Grabstein aussuche? Ich finde diese Gedanken irgendwie widerlich.
Wir lenken uns von alldem ab, weil wir uns ungern mit dem Verlust und Tod beschäftigen. Mir ist dabei unwohl, ich habe das Gefühl von den Schmerzen und Gefühlen der Verstorbenen selbst abzulenken. Als Trauernde finde ich so in unserer Spaßgesellschaft einfach kaum einen Platz. Ich stehe zwischen zwei Stühlen, meinem Kontrollverlust und dem Alltag der anderen. Mein Umfeld erwartet, dass ich mich vor Trauer nicht halten kann, während sie gleichzeitig die Erwartungshaltung haben, dass ich schnell wieder funktioniere, weil jetzt auch endlich mal genug getrauert wurde.

Ich dachte ich kann nie wieder
lachen, aber jetzt ist mein
Humor noch viel düsterer als vorher.

Sie erwarten eine gute Selbstbeherrschung, doch wer trauert, muss aushalten, dass es einem gut gehen soll, während die anderen dafür aushalten müssen, dass es einem einfach nicht besser geht. Verunsicherung macht sich breit, ich weiß nicht, welche Erwartung ich erfüllen soll. Schlussendlich erfülle ich beide, weil ich erkläre, dass es gute und schlechte Tage gibt. Ein guter Tag bedeutet aber nicht gleich eine gute Woche oder das Ende der Trauer. Ich bin nicht wieder gesund, weil ich lache. Trotzdem werden Trauernde bereits nach sechs bis acht Wochen gefragt, ob wieder alles wie vorher ist. Nichts wird mehr wie vorher sein. Unsere Gesellschaft zeigt dadurch das Unvermögen mit der Trauer umzugehen und ihr den Raum zu geben, den Trauernde brauchen. Das führt zu einer schnellen Isolation durch das Umfeld, welches lieber den Kontakt vermeidet, als sich mit mir auseinanderzusetzen. Als Folge verdränge ich meine Gefühle, um nicht von den anderen verdrängt zu werden. Je mehr Zeit vergeht, desto mehr Druck habe ich, dass ich nach außen gar nicht mehr trauern darf.

Zum einen möchte ich von meinem Umfeld gleichwertig behandelt werden, gleichzeitig möchte ich aber nirgends teilnehmen und mich zurückziehen. Ich fühle mich ausgeschlossen und schließe mich selber aus, während die Liste meiner Kontakte immer kürzer wird. Über Kurznachrichten wird mir signalisiert, dass ich mich immer melden kann. Ich spüre schnell, wie klein der Anteil an ehrlicher Fürsorge ist, während andere nur das eigene Gewissen beruhigen wollen. Sie möchten sich nicht aufdrängen, beziehen mich deshalb aber auch nicht mehr in ihren Alltag ein. Sie machen seitdem alles ohne mich.

Nach den vielen Beileidsbekundungen wurde es still. Diese bestanden zudem häufig nur aus gut gemeinten Ratschlägen und Phrasen, die motivieren sollten. Sport werde mir helfen und bald werde wieder alles besser. Außerdem könne jeder meine Gefühle nachempfinden, weil sie auch schon mal geweint haben. Sie wollen mir als Betroffene durch das Beisteuern von Erfahrung Verständnis signalisieren, dabei vergleichen sie teilweise makabre Situationen miteinander und wiegen sie gegeneinander auf. Sie wollen zeigen, dass sie wissen, wie ich mich fühle. Dieses Verhalten ist bei Soziologen auch als „ Kommunikativer Narzissmus“ bekannt und für Trauernde oft schwierig anzunehmen.
Für mich ist Ehrlichkeit, Zurückhaltung und Geduld viel wichtiger. Ich möchte von dir nicht isoliert werden, weil du nicht weiß, wie du mit mir umgehen musst. Ich möchte, dass du mir sagst, wenn du unsicher bist und keine passenden Worte findest. Dabei musst du dich nicht aufdrängen, ich brauche immer noch meinen Freiraum. Es reicht mir zu sagen, dass du nicht weißt wie ich mich fühle, aber dass es in Ordnung ist, wie ich fühle und meinen Schmerz anerkennst. Einfach nichts zu tun, während jemand trauert, sei nämlich beinahe immer falsch, so der Seelsorger Andreas Müller-Cyran. Du kannst die Dinge zwar nicht wieder in Ordnung bringen, aber du selbst sein und sie mit mir aushalten.

Es ist verständlich, wenn du keine Worte findest, denn Trauer ist so groß, dass es beinahe unmöglich ist, sie in einen Satz herunterzubrechen. Es ist unmöglich, sie auch in tausend Wörtern zu verpacken, aber ich versuche es trotzdem, weil ich in letzter Zeit viel Unmöglicheres geschafft habe – nicht atmen zu können und trotzdem wieder Luft zu holen.

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Text von Jacqueline Wolpmann
Illustrationen von Michelle Weczerek

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